Ina Hartwig / Tilman Spengler (Hg.)

Die 30-Jährigen. Kursbuch 154

03.02.2004, 15:42, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

(Rowohlt Berlin, Dez. 2003, 200 S., € 10)

Als 30-jährige Popredakteurin muss man sich beim Lesen dieses Kursbuch-Bands fragen: Kommt mir das alles so bekannt vor, weil ich selbst 30 bin und meine Lebensrealität hier widergespiegelt wird? Oder kenne ich all diese Befindlichkeiten und Generationsanalysen in- und auswendig, weil das Feuilleton von ebendiesen und den dazugehörigen Strippen ziehenden 30- Jährigen mit ihren Nostalgien und Malaisen regiert wird? Denn 30 symbolisiert, vor allem in der letztlich so toll etikettierten »Bewusstseinsindustrie«, schon lange nicht mehr erwachsene Reife und Arriviertheit, sondern die vorerst letzte Schwundstufe und damit den Höhepunkt der Postadoleszenz – gepaart mit der Erlangung erster Erfolgsplateaus, die das normative Sprechen über Pop und Egos aus machtvoller Position erlaubt.

Da wird von meist bereits bekannten Persönlichkeiten aus Pop und Kulturseiten (Malin Schwerdtfeger, Detlef Kuhlbrodt, David Wagner, Kerstin Grether etc.) in Erzähl- und Sachprosa über die Liebe in Zeiten des E-Mail-Verkehrs, das Popmüttertum, 30- jährige Frauen in Kuba und Literatur des vorletzten Jahrhunderts genauso gekopft wie über das Ende der New Economy und der Postmoderne, den Wirtschaftsboom Chinas und Gott und Psychose. Schade nur, dass hierbei, wie schon angesprochen, hauptsächlich die Lebensrealitäten des aufstrebenden Bildungsbürgertums sowie seiner Boheme bespiegelt werden und andere Klassen fast vollständig unter den Tisch fallen. Angesichts des drohenden Sozialstaatsbankrotts, der vor allem die Unterprivilegierten des unteren Gesellschaftsdrittels in den nächsten Minuten noch weiter runterreißen wird, fällt es schon ein wenig schwer, mit Stefanie Flamm Tränen über ihre »erste Entlassung« aus einer unschwer als FAZ-Berlinteil zu dechiffrierenden Zeitungs-Redaktion zu vergießen, wenn sie Monate nach der Abwicklung, die mit »Aufträgen«, »Reisen« und den »tollsten Einladungen« gefüllt waren, zum ersten Mal erstaunt feststellt: »So muss sich die Arbeitslosigkeit anfühlen, dachte sie. Es war kein schönes Gefühl.« Na so was. An vielen Stellen ist der Wille zur Distinktion als (Pop-) Kultur-Elite zu spüren: Schwerdtfeger will kein Teil der Generation Golf und auch keiner anderen sein, Ulrich Rüdenauer will nicht so gesetzt sein wie seine alten KlassenkameradInnen, und Thomas Klugkist von den Wirtschaftsjunioren Deutschlands sieht die »romantischen Abenteurer« der abgeschmierten Dot.Com-Ära doch tatsächlich als »Nachfahren der 68er«. Einen wohltuenden Gegenpol zu all den Mittelschicht-Sorgen setzt our own Kerstin Grether, die den besorgten KulturarbeiterInnen ein rotziges »Krise? Mir doch egal. Ich bin seit meinem 13. Lebensjahr in der Krise« entgegenpfeffert, um dann über ein Leben für die Popkultur am Rande des Existenzminimums zu berichten. Doch vor dem Hintergrund des on-going Generation- Definitionsgerangels, das jegliche Positionierung fragwürdig erscheinen lässt, ist der Kursbuch- Redaktion trotz allem ein inhaltlich wie stilistisch interessanter, wenn auch nicht repräsentativer Querschnitt gelungen.



Artikel kommentieren
aus Intro #113 (Februar 2004)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.