Dietrich Helms, Thomas Phleps (Hg.)

Clipped Differences. Geschlechterpräsentation Im Musikvideo

01.12.2003, 18:29, Text: Hannes Loh, Hannes Loh

(Transcript, 127 S., € XX)›Clipped Differences‹ ist ein gleichermaßen bodenständiger wie skurriler Sammelband. Er dokumentiert die universitären Bemühungen, die Themen Gender und Videoclip in den Griff zu bekommen. Bodenständig ist das Buch, weil es den aktuellen Stand wissenschaftlicher Forschung knapp, gut und übersichtlich vorstellt und einige hilfreiche Anregungen und Überlegungen aufstellt, wie die Auseinandersetzung mit Musikvideos aussehen kann. Skurril, weil die Auswahl und Verhandlung des Materials in manchen Fällen haarsträubend ist. Auf vier Seiten fasst beispielsweise Erika Funke-Hennigs, Professorin an der TU Braunschweig, Herangehensweise und Ziele feministischer Medien- und Kommunikationstheorie kurz und prägnant zusammen.

Eine Einführung, die auch für Nicht-Diskurs-Teilnehmer spannend und lehrreich ist. Dann folgt die Analyse dreier Musikvideos: ›Justify My Love‹ (Madonna), ›Leck Mich Am A, B, Ze‹ (Tic Tac Toe) und ›Still In Love With You‹ (No Angels). Anhand dieser drei Videos will Funke-Hennigs untersuchen, »ob die dargestellten Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern nach wie vor den traditionellen Rollenklischees entsprechen«. Dieser wissenschaftliche Anspruch steht in groteskem Widerspruch zur lächerlichen Materialbasis von drei Clips aus einem Zeitraum von zwölf Jahren, die zudem noch unterschiedlichen Genre- und Gesellschaftskontexten entstammen. Absolutes Highlight ist die Interpretation des Tic-Tac-Toe-Videos als Meilenstein weiblicher Emanzipationsleistung im deutschsprachigen HipHop. Tic Tac Toes Musik sei »kompromisslos, ohne sich irgendwelchen Trends anzupassen. Lee gilt als die explosivste Rapperin Deutschlands.« Hilfe! Eine gecastete Band, die ihre Texte nicht selber schrieb, auf Olli-P–Niveau rappte und von dem riesen Reibach der drei Millionen verkauften Platten nahezu nichts abbekam – denn da war ein abgezocktes Management davor.

Bei der Analyse afroamerikanischer HipHop-Videos, die in ›Clipped Differences‹ vorgestellt werden, kann man nur staunen, wie wenig ein so wichtiges Buch wie ›Agit Pop. Schwarze Musik und weiße Hörer‹ (1993) von Günther Jacob im akademischen Diskurs präsent ist. Folglich findet man auch alle Stereotype wieder, die Jacob bei seiner Kritik an der deutschen Erörterung schwarzer Kultur prognostiziert: Vom eigenen, weißen Standpunkt wird behauptet, er verhindere ein vollständiges Verständnis der schwarz codierten, gesignifyten Äußerungen und Handlungen. Der afroamerikanische Rapper wird idealisiert und gleichzeitig ethnisiert. Einerseits ist für den interessierten weißen Standpunkt plötzlich jede schwarze kulturelle Äußerung irgendwie bedeutungsvoll, subversiv und mit der Umcodierung herrschender Verhältnisse beschäftigt. Andererseits erscheint der fremd-faszinierende schwarze Rapper in seinem Ghetto-Gehege als exotischer Wilder, der sich in Körperhaltung, Mimik, Gestik und Kleidung raffiniert seiner Umgebung angepasst hat: »Das beliebte Oversize-Prinzip und die grelle Grundfarbigkeit der Kleidung dienen der Abschreckung möglicher Gegner auf der Straße«, schreibt Birgit Richard in ihrem Beitrag und meint das wirklich ernst. Trotzdem ist ›Clipped Differences‹ eine lohnenswerte Lektüre. Der Beitrag von Heinz Gleuen und Michael Rappe über Madonnas ›Music‹-Video zeigt, wie spannend und bereichernd so eine Auseinandersetzung sein kann, wenn man sich von den Brüchen, Merkwürdigkeiten und Skurrilitäten der Musik und der Bilder leiten lässt und Deutungsvorschläge macht, ohne Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Auch das über 70 Titel umfassende Literaturverzeichnis zu dem Thema Musik–Video–Gender ist sehr brauchbar.



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