
Joachim Lottmann
Mai, Juni, Juli
28.03.2003, 12:19, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
Ein chronisch abgebrannter Schriftsteller kommt 1986 aus Hamburg nach Köln, um dort einen Roman für einen Kölner Verlag zu schreiben, entwirft unzählige Ideen für verschiedenste verkaufsträchtige Texte (von SM-Lolita-Erotik bis zum DDR-Frauenroman), die er jedoch nie zu Ende bringt, und reist nach einer Weile quasi unverrichteter Dinge wieder nach Hamburg zurück. So weit zum dekonstruktiv zerfaserten, selbstreferenziellen Inhalt von Lottmanns \"Mai, Juni, Juli\", das erstmals 1987 bei KiWi erschien und nun vom selben Verlag wieder neu aufgelegt wurde. Diese zwei Veröffentlichungsdaten markieren in gewisser Weise den Anfang und das Ende der so genannten deutschen Popliteratur - so wollen es zumindest die Stimmen, die den Roman, der eigentlich eine Suche nach einem Roman ist, gerne als Beginn bzw.
Ich selbst bin mir ja nicht so sicher, ob Lottmanns Werk so besonders viel gemein hat mit den luftig-schnöseligen Ergüssen von beliebten neuen Pop-Autoren wie Kracht und Stuckrad-Barre. Denn der manische Viel-Schreiber Lottmann lässt seinen stark autobiografisch gefärbten Ich-Erzähler zwar durch ein sommerheißes Köln ziehen, das von kaum verschleierten Diedrich Diederichsens, Clara Drechslers, Martin Kippenbergers und anderen bekannten Figuren aus dem Endachtziger-Popuniversum bevölkert ist. Doch im Gegensatz zu den neueren Popwerken, die in umgangssprachlichem Stil in Referenzen an die Alltagskultur schwelgen, ist Lottmanns Buch nebenbei auch ein gewollt gelehrter Roman, der immer wieder Philosophen und Theorien aus allen Epochen droppt.
Vermutlich war es vor allem Lottmanns bewusst tabubrecherischer Umgang mit linken Positionen, der ihm, quasi als respektlosem Anti-PC-Vorreiter, bevor es den Begriff PC überhaupt gab, diesen Vergleich einbrachte. Von der Kritik wurden diese pointiert und süffisant-überspitzt vorgebrachten Äußerungen unisono als bissige Abrechnung mit der ideologischen Übermacht der '68er und der Nachkriegsliterat/-innen wahrgenommen, doch auch wenn Fragen wie \"Wer war dein Lieblingsnazi?\" in diesem absurd überdrehten Mikrokosmos als überzeichneter Verweis durchaus Sinn machen können, erschließt sich die Funktion von ironisierten Ausfällen gegen Frauen und \"Dritte-Welt-Neger\" nur lückenhaft. Aber so ist das wohl mit den linken Tabubrüchen (andere gibt es mittlerweile ja nicht mehr): Die einen halten sie für produktiv, da sie eingefahrene Positionen in Frage stellen, die anderen werten sie als regressiv, da sie letztendlich das affirmieren, was eigentlich zu bekämpfen wäre.
(KiWi, 256 S., EUR 9,90)
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