Jochen Bonz

Auf Spuren der Bedeutung

22.01.2003, 16:05, Text: Sven Opitz, Sven Opitz

Die ersten Sätze eines Buches sind immer die entscheidenden: \"Signifikanz ist heute nichts Selbstverständliches. In gewisser Weise ist die Bedeutung ein Problem - weil sie fehlt. In anderer Hinsicht fällt sie aus dem Bereich des Selbstverständlichen, weil ihre Erscheinungsformen so eigenartig sind.\" So eröffnet Jochen Bonz seine Essaysammlung \"Der Welt-Automat von Malcolm McLaren\", und so ähnlich könnte auch das Leitmotiv des von ihm herausgegebenen Sammelbandes \"Popkulturtheorie\" lauten. Zwischen abstrakter Popbegeisterung und angewandten Cultural Studies denken beide Veröffentlichungen über das Verhältnis von kulturellen Ordnungen und den mit ihnen identifizierten Subjekten nach.

Jochen Bonz ist ein Name, der im Rahmen der Welt von Intro Bedeutung besitzt.

Dabei erweist sich der Name bei näherer Betrachtung als etwas sehr Abstraktes. Seine vorrangige Funktion besteht im Fall von Jochen Bonz darin, einen Autoren sichtbar zu machen. Regelmäßigen Leserinnen und Lesern dieser Zeitschrift gewährt der Name deshalb die Möglichkeit, auf der Grundlage vergangener Lektüren bestimmte Erwartungen an Texte zu richten, die mit seiner Signatur versehen sind. Der Name fungiert somit als Etikett und Gedächtnis. Zugleich bezeichnet er eine Adresse, an die man sich bei Bedarf wenden kann. Ich persönlich wurde an den Namen Jochen Bonz verwiesen, als ich vor einigen Jahren meine erste längere Rezension bei Intro loswerden wollte. Jochen war damals der zuständige Redakteur, und im Gegenzug für den von mir eingesandten Text erhielt ich ein Exemplar seines ersten Buches \"Meinecke Mayer Musik erzählt\" geschenkt. Darin schreibt er über die narrativen Qualitäten elektronischer Musik, über die Lesbarkeit von Samples - und vor allem über das Konzept des Namens, das er bei seinem Lehrer Matthias Waltz vorgefunden hat und das in seinem Denken bis heute nachhallt.

Einige Zeit später erscheint der Sammelband \"Sound Signatures\", den Intro zum Anlass für einen Roundtable mit dem Herausgeber Jochen Bonz und einigen in dem Buch vertretenen Autoren nimmt. Interessanterweise scheitert das Gespräch, weil die Beteiligten sich einander nicht verständlich machen können. Unterschiedliche Sprachen und Vorstellungen prallen unvermittelt aufeinander, was nicht weiter bemerkenswert wäre, wenn \"Sound Signatures\" nicht gerade von der Zersplitterung des kulturellen Raums, den wir \"Pop\" nennen, Zeugnis ablegen würde. In der Vielstimmigkeit der Beiträge und ihrer Rückbindung an verschiedene Kontexte bildet der Sammelband eine Pluralität ab, die er zugleich mit Blick auf die Gegenwart diagnostiziert. Man hätte ahnen können, dass das Sich-verständlich-Machen unter derartigen Bedingungen zum Problem wird.

Eine ähnlich fragmentierte Karte zeichnet auch der Band \"Poptheorie\" (Ventil Verlag, € 13,90). Er arrangiert eine Vielzahl an Sichtweisen, die von einem akademischen Grund aus auf Pop-Phänomene gerichtet sind. Das Anliegen des Bandes ist demnach ein doppeltes: \"nicht nur eine Darstellung aktueller Ansätze der Popkulturforschung, sondern eine Skizze der Popkultur selbst\" (Jochen Bonz). Fast alle Beiträge kreisen dabei um Vorgänge kultureller Vergemeinschaftung. Stefanie Menrath untersucht beispielsweise unter Rückgriff auf das theoretische Konzept der Performanz Formen der Identitätskonstruktion im HipHop, während Eckhard Schumacher Pop insgesamt als Strategie beschreibt, durch die eine Differenz zur hegemonialen Festschreibung von Bedeutungen artikulierbar wird. Wie er insbesondere an Texten Rolf Dieter Brinkmanns aufzeigt, kann Pop jenseits von Englisch und Deutsch eine hybride \"dritte Sprache\" etablieren, die sich einer totalisierenden Ordnung des Sinns widersetzt. Christian Höller dagegen stellt den Aspekt der popkulturellen Durchdringung aller gesellschaftlichen Teilbereiche in den Vordergrund, wobei diese \"Ent-Limitierung\" für ihn gleichzeitig mit Formen der lokalen Spezifikation und Synthetisierung einhergeht. Demgegenüber macht Jochen Bonz die Pluralität der Sichtweisen, welche die von ihm herausgegebenen Sammelbände abbilden, zum Ausgangspunkt seiner eigenen Fallstudien. Denn unter den Bedingungen von Polykontexturalität und Zersplitterung erwachsen Probleme daraus, dass eine geteilte Welt mit verbindlichen Bedeutungsstrukturen nicht länger gegeben ist. An ihre Stelle tritt die Erfahrung der Ambivalenz: Weil verschiedene Bedeutungssysteme nebeneinander existieren, gerät das Subjekt immer öfter in Situationen, die es nicht zuverlässig deuten kann und in denen auch sein Name nichts bedeutet. Die meisten Essays in \"Der Welt-Automat von Malcolm McLaren\" (Turia + Kant, € 10,-) handeln von derart prekären Momenten. Sie handeln von Subjekten, die auf der Suche nach einer anerkennbaren Gestalt sind und die durch den Eintritt in kulturelle Welten dem Zustand der Namenlosigkeit manchmal entgehen.

Dabei praktiziert Jochen Bonz einerseits ein theoretisch ambitioniertes Schreiben. Er konzentriert sich auf die Ausarbeitung zentraler Konzepte des Psychoanalytikers Jacques Lacan, die er jedoch aus ihrer gängigen dekonstruktivistischen Verwendungsweise herauslöst und konstruktivistisch wendet: Statt die Gewaltsamkeit einer Festlegung durch eine symbolische Macht hervorzuheben, fragt er, wie den Subjekten die stabile und verlässliche Bindung an eine Welt gelingt. Auf der anderen Seite sind die abstrakten Überlegungen kein Selbstzweck. Vielmehr entwickelt Jochen Bonz Theorie im Vollzug seines Interesses an kulturellen Phänomenen der Gegenwart. Er schreibt über Rainald Goetz, Douglas Coupland, Schallplatten, Skateboard-Fahren und über zwei Ausstellungen. In einer klaren Diktion knüpft Jochen Bonz auf diese Weise an die Tradition der britischen Cultural Studies an. Mit seinen freundlichen Texten jenseits der Belehrung, der Moralisierung und der Agitation vollführt er einen ebenso an- wie aufregenden Grenzgang zwischen den Gebieten der Philosophie und der Pop-Essayistik. Ob dieser Weg hierzulande ins Feuilleton, an die Universität oder an einen ganz anderen Ort führt, wird die Zukunft zeigen.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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