J.M. Coetzee

Die Jungen Jahre

21.01.2003, 16:39, Text: Michael Saager, Michael Saager

(S. Fischer, 224 S., EUR 18,90)
Da sitzt er nun in seinem karg möblierten Londoner Zimmer und leidet: ein zutiefst desillusionierter junger Mann von knapp zwanzig Jahren, ein Möchtegernpoet. Die unerträglichen, barbarischen Verhältnisse in Südafrika haben ihn unlängst nach England emigrieren lassen. Zum politischen Handeln daheim hat es nicht gereicht. Jetzt ist er ein Fremder, ausgebrannt durch seinen Job bei IBM. Die Routine hat ihn fade gemacht. Und so langweilig wie er sich vorkommt, wird er wohl ewig der Frau harren müssen, die ihn verwandelt, die entdeckt, wer er wirklich ist. Er denkt: “Mit achtzehn hätte er ein Dichter sein können.

Jetzt ist er kein Dichter, kein Schriftsteller, kein Künstler. Er ist Programmierer in einer Welt, in der es keine dreißigjährigen Programmierer gibt. Mit dreißig ist man zu alt zum Programmieren: man wird etwas anderes – irgendein Geschäftsmann – oder man erschießt sich.” John Maria Coetzee hat sich nicht erschossen. Sonst hätte er diesen schwer mit sich und seinem Schicksal hadernden Helden nicht aus sich heraus schreiben können. Coetzee selbst ist dieser verzweifelt suchende Programmierer-Dichter – und ist es, wie bei Autobiografien üblich, auch wieder nicht. “Die jungen Jahre” (englischer Titel: “Youth”) ist nach “Der Junge” der zweite Teil des autobiografischen Werkes und das nunmehr siebte ins Deutsche übertragene Buch des renommierten südafrikanischen Schriftstellers. Es ist beinahe beängstigend, wenn auch nicht untypisch für den Autor von “Schande” (1999) und “Leben und Zeit des Michael K.” (1983), wie brutal er hier mit dem Ich der Vergangenheit ins Gericht geht, mit dieser, abgesehen von einigen soziopathischen Zügen – er verachtet seine Mutter für ihre Fürsorglichkeit und behandelt seine Geliebte wie ein Stück Dreck –, eher harmlosen 60er-Jahre-Gestalt eines jungen weißen Mittelklasse-Südafrikaners. So gerät Coetzees Alter Ego zu einem weiteren Protagonisten des Autors, der völlig unsentimental und in kalt distanzierter Sprache – Coetzee wählt auch hier die dritte Person im Präsens – bis auf seine blanken Knochen seziert wird; abermals entsteht ein so eitler wie verlorener Antiheld, scheiternd an seiner verfluchten Unfähigkeit, die Dinge und sich selbst zu ändern. Was bleibt, ist blindes Begehren in einem anhaltenden Zustand der Starre: Der junge Coetzee wünscht sich nichts sehnlicher als die ruhmreiche Anerkennung, die ein erfolgreiches Schriftstellerdasein wohl mit sich bringen würde. Nicht zuletzt über diesen Ehrgeiz wird er moralisch indifferent und weitgehend blind für alles, was an sozialer Nähe möglich wäre. Aber die Liebe zur Poesie bleibt. Er denkt: “Prosa verlangt zum Glück kein Gefühl: das spricht für sie.”



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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