Nina Hagen / Marcel Feige

That`s Why The Lady Is A Punk

21.01.2003, 16:29, Text: Kerstin Grethter, Kerstin Grethter

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, 500 S., EUR 50)
1995 interviewte ich Klaus Theweleit für die Spex. Am Ende des Interviews fragte ich ihn, wie er eigentlich Blumfeld bzw. Jochen Distelmeyer finde. Weil die Frage so nahe lag, überraschte mich die Antwort um so mehr. Denn Theweleit behauptete, in Distelmeyers Gesang käme immer noch das psychotische Kind zum Ausdruck, es sei dasselbe Phänomen wie Nina Hagen. Was? Nina Hagen? Ich begann in Betracht zu ziehen, dass Nina Hagen vielleicht gar nicht sooo schrecklich ist, wie ich immer dachte. Zum selben Ergebnis komme ich jetzt auch wieder, wenn ich die reich bebilderte Nina-Hagen-Bibel durchblättere, die der Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag gerade auf den Markt geworfen hat.

“That`s Why The Lady Is A Punk” heißt das mehrere Kilo schwere Monsterbuch, und der Titel passt schon mal gut in die feministische Hochkonjunktur des Begriffs “Lady”. Und mir imponiert die unverfälschte Sicht und Machweise dieses Schmökers, denn wer so einen schlechten Ruf zu verteidigen hat, muss einiges zur eigenen Historisierung auffahren. Und so sind es dann auch, neben all den hübschen, wilden Fotos, besonders die zahlreichen Zeitungsausschnitte aus den letzten 20 Jahren, die einen immer faszinierter in die von Marcel Feige erzählte Nina-Hagen-Geschichte reinziehen. Die wahre Geschichte hinter den Boulevard-Schlagzeilen sozusagen: Wie sie schon als Kind kleine Kunststückchen vorführte, den Sportunterricht hasste und ganz, ganz viele Süßigkeiten aß. Oder einfach ihrem schriftstellernden Vater eine ganze Packung Westzigaretten wegrauchte, um auch ein Drehbuch zu verfassen. Damals war sie 6 und mit 10 konnte sie Gitarre spielen. Auf wilden Partys in London entdeckte sie dann irgendwann, mit Ari Up von den Slits zusammen, den Punk und schrieb fortan schnoddrige Songs über Abtreibung und ein Leben voller Gott und Drogen. Besonders amüsant sind die vielen abgedruckten Bild-Zeitungs-Artikel. Denn es sind einzig die Boulevard-Medien, die Ninas Skandalangriffe auf die Doppelmoral so richtig zu würdigen wussten. Nina ist eine Schrille, und so was hassen Coldplay-Fans aus der oberen Mittelschicht und Spex-Autoren natürlich. Dafür gibt es kaum jemanden, der nicht wüsste, wie sie aussieht oder dass sie mit Mitte 30 einen 17-Jährigen geheiratet hat. Unvergessen bleibt der Tempo-Artikel von Olaf Dante Marx, der damit haderte, dass Nina Hagen zu schlampig sei, um so was wie die deutsche Madonna zu werden. Dieser geile Artikel findet sich leider nicht in diesem Buch – Beschönigung ist ja immer auch Bestandteil von Biografien – dafür aber das damalige Tempo-Cover. Egal. Der Ansatz von Olaf Marx war sowieso daneben. Denn ob sie jetzt so was ist wie Madonna oder so was wie Jochen Distelmeyer: Nina Hagen scheint auch dann ziemlich gut zu sein, wenn sie einfach Nina Hagen ist. Und so spürt man eher nebenbei, während man noch ihre ziemlich kunterbunte Lebensgeschichte liest, dass sie einfach eine tolle Künstlerin ist. Und keiner, außer der Bild-Zeitung, hat’s gemerkt. Aber: Es ist nie zu spät. Also, Ihr vergeistigten Blumfeld-Fans, kauft Euch dieses 500-Seiten-Buch und dazu eine Nina Hagen-Platte im Second-Hand-Laden!



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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