Hellblau
03.12.2001, 12:34, Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
“Modern Talking | Hellblau | Roman” steht vorne drauf. Doch mit der narrativen Camouflage hat sich Thomas Meinecke bei “Hellblau” konsequenter denn je zurückgehalten. Schon im Umfeld seines “Gender”-Romans “Tomboy” sprach er davon, dass seines Erachtens Autorenschaft nicht notwendig an das Ausdenken von Geschichten gekoppelt sei: “Erfinden will ich eben nichts, das ist meine oberste Prämisse. Keine Geschichte erzählen, nichts erfinden!” Nun “dokumentiert” “Hellblau” ziemlich radikal und durchaus spröde intellektuelle Handlungen und Haltungen, nämlich das Nachdenken über Gelesenes und Gehörtes.
Weil Meinecke jedoch seinerseits nicht auf die Verbindlichkeit eines wissenschaftlichen oder essayistischen Textes zielt, kann er die Denkbewegungen ohne den Zwang zur Synthese auch ins Leere führen oder satirisch zuspitzen. Meinecke erzählt im besten Sinne vom Denken in Bewegung und nutzt die rudimentäre Handlung, um die Montage von Exzerpten plausibel zu machen: “Kopieren und einfügen, schlug Vermilion vor.” Ging es in “Tomboy” vermehrt um die spielerische Dekonstruktion von Geschlechteridendität(en) (in studentischen Milieus), so beschäftigen sich die Protagonisten von “Hellblau” in ihren Gesprächen (die übrigens gerne E-Mails sind) und Reflexionen mit der Frage ethnischer Identität. Dabei - und hier beginnt der kulinarische Aspekt des ganzen Unternehmens - surfen sie sensibilisiert durch die gegenwärtige Alltagskultur und schnappen sich in transatlantischen Recherchen Info-Fetzen zusammen. Hier CDs (und Vinyl) von Drexiya, UR oder den Neptunes, dort etwas über die Geschichte der Unterwasser-Mythologie afrodiasporischer Bewegungen. Hier ein paar Infos über die Relikte des deutschen U-Boot-Krieges an der amerikanischen Ostküste, über die Bedeutung von Kraftwerk für Detroit-Techno oder die Rekonstruktion der frühchristlichen Überlegungen zur Konstitution jüdischer Männlichkeit, Henry Louis Gates Jr. und Curtis Mayfield, Hedi Lamaar und Leni Riefenstahl, schließlich eine kurze Verbeugung vor Hubert Fichte. Wer sich nur ein wenig im Umfeld aktueller kulturwissenschaftlicher und/oder poptheoretischer Debatten bewegt, wer sich für Afrodiaspora oder die “wirkliche” Hautfarbe von Mariah Carey interessiert, wird an “Hellblau” seine Freude haben und “danach” erschöpft von soviel locker geknüpfter rhizomatischer Paranoia vielleicht zur Erholung George Clinton, Miles Davis oder Rhythm & Sound auflegen, um erschreckt/erleichtert zu bemerken, dass er sich noch immer im Kosmos von “Hellblau” bewegt, wo eben vieles in die eigene Alltagspraxis hineinwirkt. Insofern bietet das radikale DJing von “Hellblau” tatsächlich so etwas wie ein freeze frame, die Momentaufnahme eines aktuellen kulturellen Diskurses, sozusagen ein Foto vom Denken. Und ebenso wie der DJ durch das Gelingen seines Mixes zum Star wurde, so steht auch
Thomas Meinecke letztlich als das da, was er stets vorgegeben hat, nie werden zu wollen: als Autor, der - ob er es will oder nicht - die Fäden des Materials in Händen hält. Mit dem in “Hellblau” perfektionierten Verfahren einer dekonstruktiven “Science-fiction” besetzt
Thomas Meinecke derzeit die Mittelposition zwischen “Abfall für alle” und Walter Kempowskis “Echolot”.

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