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Live von der c/o pop

So waren Apparat und Owen Pallett: Gegensätzlich

24.06.2011, 15:40, Text: Carsten Schumacher, Foto: www.tobiasvollmer.de
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Der Messias des anspruchsvollen Indie-Pop trifft auf Berliner Elektroniker mit erstmaliger Band-Unterstützung. Alles im Hochkultur-Tempel. Ein spannendes Match.

23.06.2011, Köln, Philharmonie (im Rahmen der c/o pop)
 
Sascha Ring hält eine Gitarre in der Hand, steht hinter zwei Mikrophonen, die Augen seiner Mitmusiker auf ihn gerichtet, überall dazwischen Stelen, gekrönt mit mal schwächer mal stärker aufgedimmten Licht. Alle sind hochkonzentriert. Sie wissen, dieser Raum ist akustisch ausgependelt und reagiert ähnlich wie Monitor-Boxen im Studio – er verzeiht nichts. Keine Zeit für Ansagen, die mehr als die Songtitel transportieren, die Sache ist heikel genug. Wie an solchen Orten hierzulande üblich, gibt kein Zuschauer einen Mucks von sich, im Foyer mahnen Schilder, dass man sich vorher gratis mit Taschentüchern und Ricola-Bonbons eindecken könne, aber sich dafür bitteschön das Husten verkneifen solle. Hier spielen normalerweise Philharmoniker unter Stardirigenten mit Super-Solisten.


Apparat und Band versuchen ein neues Kapitel. Bald erscheint das erste Album auf Mute Records, fast alle Stücke an diesem Abend werden dort zu finden sein, die Anhängerschaft ist bis zum Bersten gespannt, der Support ist absolut wohlmeinend und ignoriert sämtliche Schwächen und Unebenheiten. Denn der vom Ambient in den Band-Kontext übersetzte Sound bewegt sich regelmäßig ins Zwielicht hin zum Postrock, ohne sich allerdings hinlänglich um Dynamik zu scheren. Die Songs bleiben stets etwas schuldig, wirken immer wieder enttäuschend eindimensional, ziehen sich auf epischer Konzertlänge viel zu zäh, nur wenige durchstoßen die ausgewalzte Anfangsidee und blitzen als Highlights auf. Dazu nimmt Sascha Ring zu selten die ihm dargebrachte Spielfreude seiner Mitmusiker wahr, um sie für die Strahlkraft seiner Songs zu nutzen. Ebenso fallen manche Fehlgriffe von Synth-Kollege Ben Lauber dadurch doppelt unangenehm auf, wenn sich die Band auf der anderen Seite nicht durch die eigene Interaktion im Sinne des Songs davontragen lässt, sondern im Gegenteil nicht zu weit rausschwimmen möchte, aus Angst da draußen unterzugehen. Für die Band war es einfach zu früh, speziell diesen Raum zu bespielen, auch wenn es die Mehrheit der angereisten Fans anders gesehen haben mag.


 
Im Kontrast dazu bewegt sich Owen Pallett zunächst mutterseelenallein, dafür höchst selbstbewusst auf die Bühne, greift sich seine Geige und beginnt scheinbar völlig lässig seine Loops aufeinanderzutürmen. Mittendrin bemerkt er, dass ein Stück Papier unter seinem Schuh klebt, was er ohne zu zögern abzupft und weitertürmt. Nach dem ersten Song begrüßt er sein Publikum, kurz darauf beginnt er zu witzeln, dass Musiker in ihren 30ern als eine Art verfrühter Midlife-Crisis nochmal eine Band gründen würden. Midlife? Eher Quarterlife, doch dann fällt ihm auf, dass er dafür 120 Jahre leben müsste. »Cool!« Er muss kichern und das Publikum begrüßt seine Mitmusiker, einen ganz auf Pallett fokussierten Bassisten und eine Art Jazz-Hobbit am minimalistischen Schlagzeug, der im weiteren Verlauf ein feines Gespür an den Tag legen wird, wann er songdienlich spielen muss und wann er Ego zeigen darf. Pallett bräuchte beide eigentlich nicht, aber sie sorgen dennoch für Abwechslung, zweite Stimmen und kurze Ansätze Interaktion auf der Bühne.
 
Was Pallett an diesem Abend allerdings nachhaltig irritiert und in zum Glück kaum merkbarer Weise hemmt, ist die Distanz zu seinem Publikum. Er thematisiert das mehrfach in seinen Ansagen. Einmal vergleicht er seine Situation sogar mit einer Star-Trek-Episode, in der Captain Picard von den Cardassianern zur Brechung seines Willens in eine Art Isolationshaft genommen und allein von vier Scheinwerfern angestrahlt wird. Eine Folter-Episode, in der es darum geht, dass er unwahrheitsgemäß angeben soll, dass dort nur drei Lichter zu sehen wären. Pallett nutzt die Übertreibung, um auszudrücken, wie sehr er sich isoliert fühlt in diesem für ihn nicht einsehbaren Raum ohne Zwischenrufe mit allein dem aufbrandenden Applaus nach den vorgetragenen Stücken. Ob jemand die Folge kenne, fragt er. Wieder keine klar vernehmbare Antwort, das Publikum zieht es vor, über seine Späße zu lachen, niemand geht auf die mehrfachen Gesprächsangebote ein. Nicht hier.
 
Und so wechseln sich Solo-Auftritt mit Band-Auftritt ab, und der äußerst souverän agierende Final-Fantasy-Mann tanzt scheinbar mühelos durch seine Arrangements, stets im perfekten Einklang mit seinem Mann am Mischpult, das schon von Ferne gespenstische Komplexität erahnen lässt. Die Songs entfalten ihre Dynamik, füllen den Raum, blühen durch die teuer erkaufte Akustik wie erwartet auf. Am Ende folgen reichhaltige Zugaben, gekrönt von einem absolut gelungenen »Odessa«-Cover als Tüpfelchen auf dem i. Zu diesem Zeitpunkt sind seit Beginn der Veranstaltung bereits fast dreieinhalb Stunden verstrichen und Palletts Violine ist nach allen Regeln der Kunst ausgewrungen worden. »E-Musik« ist in Kanada eben kein Thema, mit einer »Philharmonie« kann man daher ruhig arschcool umgehen.

Mehr zur c/o pop unter www.c-o-pop.de



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