Sufjan Stevens live
So war’s in Essen: Tanz der Dimensionen
24.05.2011, 14:21, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Sandy Worm
Auf den ersten Blick fantastisch, auf den zweiten durchaus konzeptionell unterlegt: Sufjan Stevens führt in Essen mit großem Geschirr sein aktuelles Album "The Age Of Adz“ auf.
22.05.11, Essen, Colosseum Theater.
Wenn es Sufjan Stevens vornehmlich um Aufmerksamkeit gegangen wäre, hätte er dieses Ziel erreicht: Keine Hallen-Tournee wurde in den vergangenen Wochen heißer diskutiert und erwartet als die Auftritte für sein aktuelles Album "The Age Of Adz". Schließlich kommt es eigentlich nie vor, dass eine sonst sehr abgebrühte Mitarbeiterin des Melt! Festivals vom "besten Konzert ihres Lebens" schwärmt, oder dass sich Waggonladungen konzertverwöhnter Kölner für eine Show ins Essener Brachland aufmachen. Spätestens der Berliner Auftritt vor drei Wochen hat alle aufgeschreckt: Stevens kommt mit einer Show, wie man sie so vorher noch nicht gesehen hat.
Ja, es ist tatsächlich eine prächtige Materialschlacht, die Stevens mit zehnköpfiger Band an diesem Abend aufführt: Traumhaft, extraterrestrisch, surreal und überfordernd. Es ist nur folgerichtig, dass am Ende von zweieinhalb Stunden ein Meer aus Luftballons von der Hallendecke herab rauscht. Die Besonderheit der Show liegt aber nicht allein darin, sonst hätte man sie ja auch treffend mit den Flaming Lips, Queen oder Pink Floyd in einen Zusammenhang bringen können. Wirklich irre an Stevens’ Show sind vor allem ihre Kontraste: Momente von knallbunter Kakophonie brechen binnen Sekunden zu einer Solo-Performance mit akustischer Gitarre zusammen, und derartig gleich mehrmals. Eben noch führt die Band unter Schwarzlicht mit neonfarbenen geometrischen Formen Ausdruckstänze wie im Musical auf, während die dreidimensional wirkende Video-/Laser-Show auf zwei Leinwänden gleichzeitig an die Mayday zu erinnern scheint. Dann hält Stevens einen fast zehnminütigen emotionalen, fast flüsternden Monolog über den Ursprung seines Tuns und preist den verstorbenen Künstler Royal Robertson als entscheidende Inspiration für seine letzte Platte. Eigentlich sind das Widersprüche, die die Atmosphäre einer Show sprengen würden. Bei dieser Show sind sie aber gerade das Salz in der Suppe.
Fotostrecke:Sufjan Stevens live, Mai 2011
Es gibt Momente zwischen Knicklichtern und den Posaunen von Jericho, in denen Stevens ein wenig unsicher wirkt. In denen er sich offenbar für Sekunden gewahr wird, dass er gerade in einem neonfarbenen Schmetterlingskostüm vor einer überfordert dreinschauenden Meute in Sesseln aus rotem Samt steht. Momente, in denen deutlich wird, dass die pure Songwriter-Show, die er noch zu Beginn seines Lebens auf Tour fuhr, viel besser zu ihm passt. Dass das so ist, weiß er selbst am besten. Seine Ambition, mit jeder Tournee fantastischer zu werden, entstammt dem spielerisch ausgelebten Ehrgeiz, sich immer wieder auszuprobieren. "When I die/ I’ll rot/ but when I live/ I’ll give it all I’ve got" singt er ganz folgerichtig im Titeltrack der aktuellen Platte. Er spielt Konzerte auch, um sich selbst in theatralischen Rollen auszuprobieren und das Publikum mit seiner (mit Sicherheit selbst so empfundenen) Ungelenkigkeit zu amüsieren. Mal gelingt das, mal weniger. Aber genau aus diesem Grund waren Sufjan-Stevens-Shows nie fad, und werden es wohl auch nie sein.
Dass seine Show keinem Selbstzweck dient, sondern einem kleinteiligen Konzept konsequent folgt, erklärt Stevens in seinem Referat über Robertson bis ins Detail. Auch das ist eigentlich ein klassischer Show-Stopper. Allerdings ist es fast schon typisch für diesen Musiker, dass man die volle Bedeutung seiner Platten immer erst im dazugehörigen Konzert erkennt. Im konkreten Fall die Bedeutung von "The Age Of Adz", dem Album, das eine klare Absage an Stevens bisherigen Folk-Entwurf bedeutet und an diesem Abend fast vollständig gespielt wird. Dass Stevens ein so komplexer wie aufrichtiger Charakter ist, zeigt sich auch dann, wenn er mit Bahnen aus Tüll auf dem Rücken über die Bühne stolpert, oder wenn ihm ein gerade angelegtes Raketenkostüm wegfliegt. Er könnte es sicher einfacher haben, das würden seine brillanten Songs ohne Zweifel tragen. Stattdessen fordert er sich heraus und bewegt sich oft an der Schwelle zur Peinlichkeit. Das ist einzigartig, im positiven wie im negativen. Wenigstens sein Publikum dankt es ihm nun.
Termin Sufjan Stevens
25.05.2011 Primavera Sound, Barcelona » Details | Merken
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Intro 24.05.2011 | 14:21:00
Auf den ersten Blick fantastisch, auf den zweiten durchaus konzeptionell unterlegt: Sufjan Stevens führt in Essen mit großem Geschirr sein aktuelles Album "The Age Of Adz“ auf.
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