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Pete Doherty live

So wars in Köln: He fucks forever if you don’t mind

15.04.2011, 15:06, Text: Maja Schäfer, Foto: Marcel Benoit
[3 Kommentare]

Die Frage am Mittwoch in Köln: Unschuldig dreinblickendes Dubtstep-Minimal-Nesthäckchen oder versiffter, gar nicht so unschuldiger Gitarren-Poet? James Blake oder Pete Doherty!?

Für mich stand die Entscheidung zugebenermaßen recht schnell fest. Man muss sich das so vorstellen: Was anderen Kindern ihr Rolf Zuckowski ist, war mir Pete Doherty. Nach mehreren gescheiterten Anläufen (im Mai 2006 erscheint Pete wegen einem verpassten Flug nicht in Köln, im Dezember 2008 ist er gleich während der gesamten Tour "verhindert", beide Male war wer stolzer Besitzer einer Karte? Genau, ich!), ist es in der Kölner Essigfabrik dann tatsächlich soweit – hoffe ich zumindest.


Für die meisten der anwesenden Fans dürfte es ebenfalls das erste Zusammentreffen mit Doherty sein, betrifft der Altersdurchschnitt der stylish kids in the riot an diesem Abend doch geschätzte 18 ½. Dazu passend überpünktlich betritt die Vorband Hands Up Excitement die Bühne. Bevor man sich auf den interessanten Mix aus Streichern, Cello und Schlagzeug konzentrieren kann, fällt auf: Schauspieler-Schönling August Diehl sitzt an der Gitarre. Ja, tatsächlich handelt es sich um DEN August Diehl, der kürzlich neben so illustren Damen wie Angelina Jolie in Hollywood lächelte. Heute ist er ganz in weiß gekleidet, als wäre er gerade seinem Film "Was nützt die Liebe in Gedanken" entsprungen. Ob Diehl und Doherty beim nächtlichen Einbruch in einen Plattenladen in Regensburg entschieden haben, gemeinsam auf Tour zu gehen? Dort drehten sie, wie der Yellow Press-lesende Doherty-Fan schon weiß, bis Ende März nämlich das Remake zu "La confession d'un enfant du siècle". Das Publikum ist allerdings trotz Celebrity-Bonus nur mäßig begeistert von Hands Up Excitement, so erntet die Band von Dohertys mutmaßlichen Verbrecherkomplizen nach ihrer halbstündigen Darbietung recht wenig Applaus.


Und dann geschieht das Unfassbare: Ebenfalls pünktlich betritt um 21 Uhr Pete Doherty himself die Bühne. Nur mit einer Gitarre ausgestattet beginnt er sein Akustikset mit dem Babyshambles-Song "Killamangiro". Keine anderen Musiker stehen ihm zur Seite, lediglich bei einer handvoll Songs tanzen zwei deplatziert wirkende, in kitschig-goldende Brokat-Tutus gekleidete Ballerinas um ihn herum, können den positiven Gesamteindruck aber trotz der eher peinlichen Vorstellung nicht trüben. Souverän und unverhofft professionell spielt Doherty nicht nur Songs seines Soloalbums „Grace/Wastelands“, wie z.B. die Single “Last Of The English Roses”, sondern nahezu alle Klassiker seiner viel zu kurzen Karriere als Libertines-Frontmann ("Time For Heroes", "What Katie Did", "Can't Stand Me Now", "What A Waster") und die musikalischen Höhepunkte der Babyshambles-Alben wie "Delivery" und "Lost Art Of Murder".

Spielfreudig ist er also, aber wie sieht es mit der Interaktion mit seinem Publikum aus? Was das betrifft, hatte man sich im Vorfeld die zwei schlimmsten und zugleich wahrscheinlichsten Szenarien ja schon ausmalen können: Entweder Doherty ist volltrunken und die einzige Kontaktaufnahme mit seinen Fans besteht darin, dass er sich in den Zuschauerraum übergibt, oder er ist nüchtern,  dementsprechend übellaunig und von der Welt und vor allem diesem Konzertabend zu Tode gelangweilt. Nichts dergleichen kann man ihm in der Essigfabrik vorwerfen. Spätestens ab der Mitte des Sets erfreut er seine Anhänger u.a. durch deutsche Textzeilen inklusive bezaubernden Akzents und den ständigen Wechsel seiner Kopfbedeckung. Von einem euphorischen Fan lässt er sich einen Strohhut aufsetzen, wechselt dann zum pinken Partyhütchen eines anderen Verehrers, um sich schließlich kurzerhand den selbstgestrickten Schal einer jungen Dame verwegen um den Kopf zu wickeln. An dieser Stelle wird der ein oder andere wohl fassungslos denken: Pete Doherty als gefällig-angepasster, alternder Zirkusclown, der von Drogen und Co. Abstand genommen hat und stattdessen Partyhütchen trägt?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Doherty biedert sich bei niemandem an, und die Rolle des dummen Arschlochs kriegt er ebenfalls immer noch ganz gut hin. Wenn das Kölner Publikum zunächst nur zaghaft an seinen Lalala-Chören partizipiert, verdreht er übertrieben genervt die Augen, und zwischendurch hält er es allen Ernstes für eine gute Idee, mehrere volle Bier- und Rumflaschen ins Publikum zu werfen. Dass davon keine gefangen wird, sondern allesamt dort in tausend Stücke zerbrechen, wo Sekunden vorher noch Zuschauer standen, scheint er nicht zu merken. Oder es stört ihn nicht besonders. Aber was erwartet man von einem Künstler, der durch sein Verhalten schon desöfteren  gezeigt hat, dass er die Zurechnungsfähigkeit und das Verantwortungsbewusstsein eines Sechsjährigen besitzt? Warum sollte er auf andere Rücksicht nehmen, wenn er sich mit seinem masochistischen Lebensstil über Jahre selbst fast zu Grunde gerichtet hätte? Pete Dohertys Darbietung in der Essigfabrik zeichnet sich vielleicht nicht durch ein Übermaß an Empathie aus, dafür durften alle Anwesenden das zweistündige Best-of eines der begnadeten Songwriter unserer Zeit erleben, der sich mit dem Libertines-Klassiker "The Good Old Days" salutierend von seinen Fans verabschiedet. Und dabei haben die good days für Doherty scheinbar erst jetzt richtig angefangen. Der selbstzerstörerische, mythenumwobene Antiheld fucks forever if you don’t mind.

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  • bs974748 18.04.2011 | 20:12:01

    Hallo
    Mein persönlicher Eindruck war völlig anders.
    Letztes Jahr war unser Peter ebenfalls schon da, nicht pünktlich aber immerhin. Aber er war ziemlich volltrunken,trotzdem toll. Dieses Jahr fand ich ihn nüchtern und voller Spielfreude. Das Konzert war um Längen besser, man konnte die Fingerfertigkeiten an der Gitarre geniesen, hinzu kam ein absolute Textsicherheit, was nicht immer der Fall war
    Alles in allem ein perfektes Konzert.

  • User: redhotbeautiful
  • redhotbeautiful 19.04.2011 | 09:33:48
    redheadmusiccologne
    Ich finde den Artikel an einigen Stellen ganz schön dick aufgesetzt, aber trotzdem gibt er einen ganz guten Eindruck vom Abend.
    In der ersten Hälfte fand ich es ein bisschen langweilig aber später wurde es dann besser, wirkte ein bisschen eckiger und kantiger.

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