Øya-Festival 2010 - So wars: The Return of the Gummistiefel Artikelbild (groß)

Øya-Festival 2010

So wars: The Return of the Gummistiefel

17.08.2010, 14:00, Text: Branko Zebec, Foto: Branko Zebec

Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht  vom Øya-Festival mitgebracht.

Willkommen im Land von Thor Hushovd und Egil Olsen. Neben seiner ausgefeilten Defensivstrategie, die später ein gewisser José Mourinho verfeinerte, wurde Olsen übrigens auch dadurch bekannt, dass er als erster Fußball-Nationaltrainer in Gummistiefeln am Spielfeldrand erschien. Ein Accessoire, dem im Verlauf der 12. Auflage des Osloer Øya-Festivals noch eine buchstäblich tragende Bedeutung zukommen sollte. Das Festival wird im Middelandsparken ausgerichtet, einem Park am Rand des Stadtzentrums, der zugleich historische Stätte ist: Ruinen zeugen noch von den Ursprüngen der norwegischen Hauptstadt.




 
Das Festival-Line-Up sieht in etwa je zur Hälfte ausländische und einheimische Bands und Künstler vor, sodass Eröffnung (mit der Vertonung eines Stummfilms durch Æthenor) und die vier Festivaltage auch eine Art Plattform für die norwegische Musikszene darstellen. Zum anderen geht für diejenigen, denen über 100 Acts noch nicht ausreichen, der Spaß nach Schließung des Parks um 23.00 Uhr in der beachtenswerten Osloer Clubszene bis tief in die Nacht weiter.
 
Mittwoch
 
Leider hält der Regen Oslo in Schach, was Pink Eyes von Fucked Up offenbar gerade recht kommt: Er erscheint mit transparentem Poncho, was auf norwegisch übrigens Regnponcho heißt, auf der Bühne, hält es aber nicht mal zwei Minuten dort aus und begibt sich auf Wanderschaft. Die Band rotzt auf nonchalante Art Dreck und Lautstärke aus, und wenn Krawallbrüder vom Regen nicht genug bekommen, nehmen sie noch ein Bad in der Menge, was Pink Eyes sehr wörtlich auslegt und sich fernab der Bühne vorbeistokelnden Besuchern in den Weg stellt – sehr zur Freude der begeisterten Meute.

Dass die Kanadier auf derselben Bühne von Air abgelöst werden, entbehrt nicht einer gewissen Komik, doch decken wir den weißen Anzug des Schweigens über die Performance der Franzosen. Spannend dagegen sind Sleepy Sun, ein Sechser aus San Francisco, der optisch wirkt, als sei er einem Film aus den 1960ern entsprungen. Die Songs pendeln zwischen Folk, Rock mit Blueselementen und Psychedelia, mit feinem Chorgesang von Bret Constantino (der eine verblüfende Ähnlichkeit mit dem jungen David Crosby aufweist) und Rachel Williams. Klar sind das Hippies, aber mit permanenten Tempiwechseln und  Ausbrüchen aus dem Gefüge, die eben nicht ausschließlich über Dynamik erfolgen, reißen sie die gefestigten Songstrukturen und die Schwere, die auf den meisten Stücken lastet, immer wieder auf.

Ein einziger Ausbruch wiederum ist der Gig von Iggy & The Stooges, die schon mit „Raw Power“ einsteigen, als gäbe es kein morgen. Fast keiner der Klassiker fehlt im Set, und „Now I wanna be your dog“ singt ab der Mitte nur noch das Publkum. Die ungebrochene Bewegungsfreude des mittlerweile 63jährigen Stehaufmännchens lässt den Stagehand zum zweitmeistbeschäftigten Menschen des Konzerts werden, zum anderen rocken die Stooges wie Schwein und vermitteln eine Ahnung davon, welche urwüchsige Kraft von Punkrock einst ausgegangen sein muss. Roh!  

Spätestens beim Finale des ersten Tags wird’s kompliziert: zwar finden die einzelnen Gigs fast nie komplett zeitgleich statt, aber auch schon die Überschneidungen machen die Wahl manchmal schwer. Vorteil Serena Maneesh zu Ungunsten von M.I.A., aber wir sind schließlich in Norwegen. Die Lokalmatadore, im September auch bei uns zu sehen, nehmen mit 7 Leuten die komplette Bühne und damit auch ein beeindruckend breites Klangspektrum ein. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Percussion, Keyboards, Samples, Gesang und dazu ein Saxofon, das – je nach Gemengelage – mal Bass-, mal Gesangsfrequenzen belegt. Dreckige Gitarren und endlos treibender Rhythmus wechseln sich ab mit Stücken, in denen hakenschlagende Melodiebögen in verwaschenen Tremolo-Feedbackgitarren dominieren. Im einen Moment rockt das wie Sau, im nächsten ist nur noch klangbaden angesagt. Am Ende, genauer gesagt nach einer guten halben Stunde, bleibt Leadgitarrist Emil Nikolaisen, wie üblich bewaffnet mit Piratenkopftuch, auf der Bühne liegen, und aus dem Feedback der restlichen Band, die längst die Bühne verlassen hat, schält sich eine dieser Gitarrenlinien, die ihnen Vergleiche mit My Bloody Valentine eingebracht haben. So geht das zehn, zwölf  Minuten, bis sich die Hallfahne in den Fjorden und dem einmal trockenen Osloer Nachthimmel endgültig auflöst. Parallel dazu verprügelt das norwegische Nationalteam, seit letztem Jahr wieder unter der Leitung des mittlerweile 68jährigen Egil Olsen, im unweit entfernten Ullevaal-Stadion die ohnehin schon gebeutelten Franzosen in Freundschaft.

Auf der nächsten Seite: der Festival-Donnerstag.


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