So war die Red Bull Music Academy
in London: Von den Guten lernen
11.03.2010, 12:13, Text:
Thomas Venker, Foto: Red Bull Music Academy
Über Musik reden, sie sich gegenseitig vorspielen und gemeinsam produzieren, das ist ein großer Teil der Idee hinter der Red Bull Music Academy – aber natürlich gehört das gemeinsame Feiern ebenso dazu. Thomas Venker war in London dabei.
07.02. - 12.03.2010, GB-London, diverse Locations.
"Never sign a contract in a pub, never sign it without a lawyer." Es könnte fast der Eindruck entstehen, der Londoner Technoproduzent James Holden wäre von den Eltern der Teilnehmer der elften Red Bull Academy gebrieft worden, ihnen alle Flausen auszureden und sie auf die harte Realität des Lebens einzustellen. Denn genau das macht er im Rahmen seiner Lecture.
Holden hat am Anfang seiner Karriere, die ihn im UK recht schnell zu einem der bekanntesten Trance-Produzenten in den 90ern hat werden lassen, viele Fehler gemacht – wenn er nun dem kreativen Teil, zu dem er im Anschluss ausführlich und mit vielen Hörbeispielen kommt, das Geschäftliche voranstellt, dann vor allem um eins klarzustellen: ohne das richtige Set- Up hat deine Kunst keine Chance, den richtigen Weg zu finden. Holden zum Beispiel war jahrelang mit einem Vertrag an ein Label gebunden, dass irgendwann nicht mehr zu seinen Soundinteressen passte und ihn massiv einschränkte.
Holden ist einer von vielen Musikern und Labelmachern, die dieses Mal zu den 60 Teilnehmern der Academy sprechen. Diese "Lectures", in der Regel anderthalb Stunden lang, sind aber nur der Anfang: Viele der Vortragenden stehen den Teilnehmern im Anschluss auch für Tipps und gemeinsame Sessions zur Verfügung, hier werden die Ratschläge dann konkret umgesetzt.
Fotostrecke:Red Bull Music Academy 2010 in London
Wenn es von einem der jungen Wilden der aktuellen Technoszene schon so viel zu lernen gibt, was ist dann bei einem der alten Weisen erst drin? In diese Kategorie fällt definitiv der New Yorker Minimal-Komponist Steve Reich, der zusammen mit La Monte Young und Terry Riley als Erfinder der Minimal Music gilt. Von ihm erfuhr man beispielsweise, dass er sein Erweckungserlebnis mit 14 hatte, als er mit einem Freund gemeinsam eine Band gründete, wegen Miles Davis und all den anderen Jazz Birds jener Tage – also durch ganz andere Sounds als die größtenteils durch zeitgemäße Clubmusik sozialisierten Teilnehmer inspiriert wurde. Und trotz dieses scheinbaren Widerspruchs der Lebenswelten ist der Lectureraum extrem voll, letztlich geht es eben in der Essenz um die Liebe zur Musik – und diese schwebt geradezu die ganze Zeit durch das Gebäude im Londoner Süden, in dem die Teilnehmer in neun Studios 24 Stunden über Musik reden und sie produzieren.
Es hat sich rumgesprochen: Reichs Musik führte mit aller Konsequenz in das Feld der Elektronischen Musik. Der Rhythmus in seiner repetitiven Spielart hat es ihm bis heute angetan. Und das Analoge - aber nicht als in diesem Feld verbleibendes anachronistisches Moment, sondern im Anschluss an die Moderne (so erzählt der 73-Jährige beispielsweise wie wichtig für ihn die Einführung des Samplers war). Man muss ihn zwingend als Wegbereiter des heutigen Technominimalismus lesen.
Über Musik reden, sie sich gegenseitig vorspielen und gemeinsam produzieren, das ist ein großer Teil der Idee hinter der Red Bull Music Academy – aber natürlich gehört das gemeinsame Feiern ebenso dazu. Über die mehr als vier Wochen, die die auf zwei Terms mit unterschiedlichen Teilnehmern angelegte Veranstaltung läuft, vergeht fast kein Tag an dem nicht in irgendeiner der Londoner Bars und Clubs Dozenten und Teilnehmer Musik machen, immer wieder getoppt von Großveranstaltungen wie dem gemeinsam mit dem Sonar Festival im Londoner Roundhouse veranstalteten zweitägigen Happening (mit u.a. Auftritten von etablierten Produzenten wie Four Tet, Doom, Matthew Herbert, Hudson Mohawke genauso wie hoffnungsvollen Red Bull-Youngsters), dem im intimen Londoner Pub The Lock Tavern angesetzten Dubstep/Future Garage-Abend mit Knallerbooking (Rustie, Joy Orbison, MJ Cole) oder der für den 12.03. angesetzten Abschlussparty mit 2manydjs – eins ist jetzt schon sicher: nach letzterer werden alle erstmal schlafen gehen.
Außerdem auf intro.de: Musik im 24/7-Takt - Florian Obkircher über die Red Bull Music Academy 2010 in London.
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