Chokebore live
Chokebore, wie es schlägt und pulsiert
25.02.2010, 15:59, Text:
Karina Henschel, Foto: Muriel Thies
When I was a cool kid, I went to Chokebore. I never was a cool kid, but I would always go to Chokebore again!
24.02.2010, Berlin, Festsaal Kreuzberg
Unter Gitarrenbands versteht man heute was anderes als in den 90ern. Heute kommen sie häufig aus den nordeuropäischen Ländern, bestehen aus dünnen Jungs mit Haaren, denen man das Out-of-Bed-Haargel fast nicht ansieht, war ja auch teuer genug. In den 90ern waren Gitarrenbands meist arm dran und aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Oder aus Hawaii, wie Chokebore.
Viele finden es darum eventuell sehr gut, dass kein neues Album den Anlass für die derzeitige Tour gab, aus purer, schmieriger Nostalgie. Noch mal die alten Songs hören, sich erinnern, enorm zufrieden sein mit dem hedonistischen Frontsänger Troy von Balthazar und den weiteren Mitgliedern der Band, James Kroll am Bass, seinem Bruder Jonathan Kroll an der Gitarre und Christian Omar Madrigo Izzo, dem Schlagzeuger.
Ohne ungerecht sein zu wollen, aber mit der Aussicht auf ein Chokebore-Konzert hat das Vorprogramm, bestehend aus dem Geschwister-Duo Hundreds nicht so gute Chancen auf positive Reaktionen. Philip Milner spielt auf dem E-Piano und bedient einen Drumcomputer, der die Bässe direkt aus der Hölle bringen zu scheint, so tief und träge brummen sie los. Das steht im krassen Kontrast zu seiner Schwester Eva Milner, die den Songs ihre rauchige Pop-Stimme verleiht. Hundreds machen Pop-Musik und wollen gerne abwechslungsreich und vielschichtig klingen. Stilistisch kann man sie in diesem kruden Bermuda-Dreieck zwischen den düsteren Stücken von Kosheen, Didos melancholischeren Liedern und dem Instrumentarium der Kölner Band Wolke einordnen. Nach dem zweiten Song denkt man, das ist ja ganz nett. Der Gedanke an sich ändert sich bis zum Schluss des Sets nicht merklich. Den meisten tuts nicht weh, nur ein Zuschauer fordert nach dem dritten Stück: "Aufhören! Folter!"
Unnötig zu sagen, dass dies bei Chokebore nicht vorkommt. Nur Troy von Balthazar äußert Unmut, nicht wegen seiner Band oder wegen des Publikums, sondern weil der Bühnenbeleuchter es schafft, dass sich der Sänger wie in einem Aquarium fühlt, später dann wie in einem Kühlschrank. "Come on man, you can have a little mood here on stage. Don't be afraid!" Keine Diskussion, der Beleuchter ist kooperationsbereit und die Stimmung lässt nicht lange auf sich warten. Bei den ersten vier bis fünf Stücken, unter anderem "little dream", geht es noch sehr ruhig zu, der ein oder andere mag denken, das liegt daran, dass wir ja alle älter werden. Stimmt, ist gleichzeitig nichts Schlechtes und heißt nicht, dass Chokebore nur noch behutsame Melancholie transportieren, wie sie bei Stücken wie "Sections" oder "Ciao L.A.". Von Balthazar ist offenbar gut gelaunt, auch wenn es Mittwoch ist, kann man ja trotzdem Bier trinken und tanzen, sagt er. Um nachzufügen, er denke nicht, viele Leute beim nächsten Song tanzen zu sehen. Es folgt "Brittle and depressing".
Dieser Abend war "super duper depressing", um es mit von Balthazars Worten auszudrücken. Was ja aber nicht einmal stimmt. Viel mehr war es ein erstaunliches Konzert, an dem wenig auszusetzen ist. Die Setlist beinhaltete von allen Alben etwas, es gab keine enttäuschenden Exzesse, sondern genau das, was das Publikum sich wünschte: Chokebore, wie es schlägt und pulsiert. Nach der ersten Zugabe die nächste Halbwahrheit. Das Publikum will die Band noch nicht gehen lassen und von Balthazar sagt: "the rest of our songs is really not that good", um dann doch noch einmal mit der Band ein paar Stücke zu spielen.
Das Konzert war fantastisch, die Tournee-CD mit einigen Live Versionen und B-Seiten kann das im übrigen nicht rüberbringen. Chokebore waren 1998 eine Liveband und sind es 2010 immer noch, im besten Gitarrenband-Sinne.
Fan werden? Anmelden oder einloggen!
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
NEUE TOURNEEN
- alles Neue



