Tortoise live
in Bochum: Rumba der Erhabenen
09.12.2009, 17:06, Text:
Christian Steinbrink
[5 Kommentare]
Das Siechtum macht auch vor zuvor für unumstößlich gehaltenen Referenzgrößen nicht halt. Elende Moden. Auch wenn der schon eher kleine Bahnhof Langendreer nur halbvoll ist, setzen Tortoise live eine Marke, die außer ihnen niemand erreicht...
08.12.09, Bochum, Bahnhof Langendreer.
Es ist ein Elend mit diesen Moden. Mit dem Herdentrieb, der uns den alles beherrschenden medialen Hypes hinterherlaufen und die kleinen ersten Konzerte vermeintlich heißer neuer Bands übervoll machen lässt, während die anderen, die in gewohnter Manier einfach nur großartige Musik machen, nach und nach immer weniger Zuhörer erreichen.
Das ist eine altbekannte Klage, klar, und sie mag auch nerven. Aber hin und wieder gerät man in Situationen, das heißt auf Konzerte, nach denen man seinem Frust diesbezüglich einfach mal wieder Luft machen muss. Zum Beispiel an dieser Stelle.
Tortoise gelten spätestens seit ihrem legendären zweiten Album "Millions Now Living Will Never Die" von 1996 als beherrschende Referenzgröße dieser immer wieder problematisch zu fassenden Stilart Postrock, vielleicht neben Mogwai, die aber eine vollkommen andere Musik machen. Kaum eine Intro-Ausgabe, in der man ihren Namen nicht zumindest einmal findet, die Musik, die sie im heimischen Chicago schufen, ist immer noch lebendig und findet weltweit Liebhaber und Nachahmer.
Das sollte eigentlich ein Garant für eine krisensichere und lang anhaltende Karriere sein, man sollte meinen, dass immer wieder neue Leute diese Band entdecken und lieben lernen. Anderswo in Europa mag das auch stimmen, nur in Deutschland scheint das Interesse kontinuierlich abzunehmen. Während auf ihrer aktuellen Europatour, erstaunlicherweise schon der zweiten in diesem Jahr, Konzerte in Polen, Frankreich und sonstwo nahezu ausverkauft sind, ist der Publikumszuspruch in Bochum sehr überschaubar. Deshalb schaut die Band auch etwas ernüchtert in den halbleeren Saal, als sie die Bühne betritt. "Es ist doch ein alter Hut, dass die guten Indiebands in allen Nachbarländern mehr reißen als hier", meint mein weit gereister Platznachbar. Ja, stimmt wohl.
In positiven Fällen macht eine Band das Beste aus solchen Umständen und nimmt die Gelegenheit zum Anlass, quasi frei von der Leber weg Neues auszuprobieren, zu testen oder zu improvisieren, wenn das denn im Rahmen des stilistisch machbaren liegt. Tortoise sind professionell und äußerst routiniert, deshalb kann niemand mit Sicherheit sagen, ob sie das in ihrem Set tatsächlich tun. Die Klasse dieser Band macht aus, dass das eigentlich immer möglich ist.
Gerade die erste Hälfte des gut 90-minütigen Sets vermittelt den Eindruck, das hier zumindest bis zu einem gewissen Grad ausprobiert wird. Vornehmlich auf der Basis von Stücken vom aktuellen und wieder umwerfenden Album "Beacons Of Ancestorship" offenbart das Quintett ihr ausgeprägtes Interesse an Synthesizern und schrägen, krautrockigen Orgel-Sounds, das alles - natürlich - eingefasst in ein virtuoses Zusammenspiel, komplex und doch mit ungemein viel Druck und Antrieb. Es ist nie langweilig, dem Spiel der Fünf zuzusehen, von daher ist es sogar angenehm, problemlos in die erste Reihe und wieder zurück gehen zu können. Auch wenn Tortoise wie immer hochkonzentriert sind und aussehen - maximal Dan Bitney hampelt ein bisschen herum und visualisiert so die Kraft dieser Musik, ansonsten rutscht John Herndon höchstens mal ein "Thanks" über die Lippen.
Grund dafür, und sicherlich auch für die stete Spannkraft ihrer Musik, ist auch, dass Tortoise mehr denn je zwischen ihren Instrumenten hin und her wechseln, Mittlerweile gehört ein zweites Schlagzeug zum festen Repertoire, außerdem Vibraphon und Glockenspiel und Unmengen von Synthesizern, Gitarren und Bässen. Dass ihre Musik aber lang nicht nur herausfordernd gemeint ist, zeigt der zweite Teil des Sets mit einem Querschnitt durch die Bandgeschichte und die immer wieder aufflackernde Auseinandersetzung mit karibischen und lateinamerikanischen Rhythmen. Auch das so groß, das jetzt selbst die Besucher, die zunächst überfordert waren, vollends versöhnt sind.
Dass man von Tortoise keine überschwänglichen Verbrüderungsgesten mehr erwarten braucht, sollte jedem klar sein, gerade bei einem solchen, "intimeren" Konzert. Es gibt in Bochum "nur" Musik, die aber auf buchstäblich höchstem Niveau. Auch wenn Tortoise nach wie vor hybrid sind und sich stetig entwickeln, kann man diese Band als Monolith beschreiben, als feste und verlässliche Größe und als lang anhaltender Höhepunkt der populären Musik der letzten 20 Jahre. Denn ihre Klasse hat in ihrer Disziplin seitdem niemand erreicht. Eigentlich sollte das verlässlich hohe Besucherzahlen bringen. Eigentlich. Es wäre schön und nur gerecht, wenn es so wäre...
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Intro 09.12.2009 | 17:06:00
Auch wenn der schon eher kleine Bahnhof Langendreer nur halbvoll ist, setzen Tortoise live eine Marke, die außer ihnen niemand erreicht...
BadBrain 09.12.2009 | 17:30:21
zack! regierung gestürzt.
die muss ich auch nochmal schauen. bin während des hamburger konzerts zur tnt-tour vorzeitig gegangen (wahrscheinlich so zur hälfte). daau als vorband hatten mich damals so weggeblasen, dass ich tortoise leider nicht mehr richtig zuhören konnte.
wurstfingeredits.
Editiert von
BadBrain am 09.12.2009 17:30:35
Editiert von
BadBrain am 09.12.2009 17:31:05
redhotbeautiful 09.12.2009 | 19:32:31
redheadmusiccologne
In der Kulturkirche in Köln fand ich sie eher nervig, weil sie so einen penetranten Sound hatten, der nicht kirchentauglich abgemischt war. Irgendwie kam ihre Genialität da nicht so rüber, da fand ich sie 4-5 Jahre zuvor im ZaKK doch wesentlich geiler. Auf diesem Video hört sich das aber schon ganz gut an, naja, vielleicht hatte ich ja nen schlechten Platz
Editiert von
redhotbeautiful am 09.12.2009 19:35:16
Bobby Peru 09.12.2009 | 20:49:36
An dem Abend hätte man ja so einiges in Sachen Konzerte unternehmen können, bspw. Them Crooked Vultures oder auch Soulsavers feat. Mark Lanegan oder Yes ( nee, war nur Spass ), aber Tortoise waren definitiv eine gute Entscheidung. Sehr hörenswertes Konzert, einer zeitlosen Band !
Motortortoise 19.12.2009 | 14:01:57
...meine alten Helden... seufz... allerdings war das Konzert in der Kulturkirche echt supernervig... is mir ein absolutes Rätsel, warum diese begnadeten Musiker ihren Sound null auf die akustischen Besonderheiten der KK angepasst haben... war echt die Enttäuschung des Jahres!!!
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