Casablancas Vs. Doherty live
in Berlin: Time For Heroes
07.12.2009, 10:49, Text:
Kerstin Grether, Foto: Geert Schäfer
[3 Kommentare]
Gleich zwei der besten Sänger-Role-Models der Gegenwart spielten in der selben Nacht live in Berlin. Einer offiziell, der andere geheim. Kerstin Grether schreibt eine Momentaufnahme zweier denkwürdiger und schöner Konzerte, die nach ganz unterschiedlichem Muster funktionierten.
03.12.2009, Maria am Ostbahnhof (Julian Casablancas live) vs.
04.12.2009, White Trash (Peter Doherty live, Geheimkonzert)
So schnell wie Julian Casablancas hat schon lange kein Rockstar das Eis gebrochen. Er stürmt auf die Bühne, ein loses Mikro in der Hand - zu selbigem wird er im Laufe des Konzertes eine intime Beziehung entwickeln - läuft schnurstracks zum Bühnenrand, wirft ein paar herzliche Blicke ins Publikum und fängt an zu singen.
Er legt sich ins Zeug, aber die versiert und druckvoll durchgespielten Instrumente sind eigentlich immer lauter. Und dennoch: Bewegungsfreiheit auf der Bühne und die Konzentration scheint ihm - auch bei seinem Alleingang ohne die Strokes - wichtiger als anderen Sängern. Denn immerhin hat Casablancas ja auch bei seinem Solo-Album "Phrazes For The Young" praktisch alle Stücke selbst komponiert und lässt die Instrumentalisten live so klingen, als hätte er ihnen auch in der Ausführung jeden Ton vorgegeben.
Und es sind viele Töne und alle auf einmal, die hier gespielt werden von den zwei Keyboardern (die auch hin und wieder mal mitten im Lied auf Gitarre umsatteln) und den beiden Gitarristen, ganz zu schweigen von den Bässen vom Band. Und auch was die Drums betrifft hat Julian sich nicht lumpen lassen und gleich zwei SchlagzeugerInnen mitgebracht. Trotz dieses Bombardements mit Instrumentarium und Musik (die interessanterweise immer rockiger wurde, je keyboardlastiger sie war), lässt es sich das Role Model mit dem herzlichen Lausbubengesicht (große Augen, großer Mund) und der halblangen, dunkelbraunen Out-Of-Bed-Kultfrisur nicht nehmen, wirklich viel Energie und Kraft in seine Gesangsperformance zu legen.
So überzeugte Casablancas also zu allererst und guterletzt und immer wieder einfach in der Rolle des Julian Casablancas. Und die geht ungefähr so: der schöne, großstädtische Sänger, in den man irgendetwas Schönes hinein projezieren kann, schlendert zart in dicker Lederkluft und mit scheinbar tausenden Bewegungen gleichzeitig, hibbelig, aufgeregt und lässig zugleich über die Bühne. Er singt mit einer Spur von tief liegender Verzweiflung - gegen die er den Kampf allerdings immer schon gewonnen zu haben scheint.
In abrupter Abfolge mal ganz augenversunken bei sich, reißt er die Augen dann unvermittelt auf, um sofort beim Publikum zu sein. Seine Handbewegungen: einladend und beschwörend lautmalerisch. Die Songs haben es natürlich auch in sich: nicht nur der Sänger, auch die Lyrics sind entgegen der für ihn typischen Andeutungs-Attitude sogar teilweise recht explizit (in Kürze: Amerika, Liebe, menschliche Enttäuschungen, Erinnerungen). Am Ende kaufen alle die Shirts und kaum einer das Vinyl (CDs gab's nicht). Denn wenn Julian Casablancas schon voll herzlich und hip übers Ziel hinausschießt, will man natürlich dabei gewesen sein!
Vielleicht ist der Sänger, der sich von gleich zwei Schlagzeugen die Stimme wegpusten lässt, ja auch eine Art Selbstzerstörer. Denke ich später am Abend anlässlich eines der berüchtigten Geheimkonzerte von Peter Doherty, das einen Tag nach seinem offiziellen Berlin-Konzert im White Trash stattfindet.
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ladette77 28.12.2009 | 23:41:46
das trifft es ziemlich präzise
ösel 28.12.2009 | 23:57:38
Polterkowski & Söhne
Dass bei so viel Hipness Berlin nicht sofort implodiert ist, überrascht.
mellohippo 29.12.2009 | 01:31:43
Duke Of Stratosphearfragend in der Atmosphäre des Raums die Gegenwart atmen
oder vielleicht: Atmend in dem Raum der Atmospäre die Frage gegenwärtigen? Vergegenwärtigend die Atmosphäre im Raum hinterfragen?
Naja, Hauptsache: große Augen, großer Mund, dunkelbraune out of bed-Frisur, und die Ewigkeit nicht für die vermeintliche Gegenwart einfangen!
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