Evan Dando live
in Köln: It's A Shame About E.
02.12.2009, 14:01, Text:
Christian Steinbrink
[18 Kommentare]
Kontrastprogramm in Köln: Christian Steinbrink war begeistert von den Songwriter-Qualitäten des ewig unterschätzten Chris Brokaw und sah danach Evan Dando beim Ausnüchtern zu.
01.12.09, Köln, Underground.
Schön wäre es gewesen, hätte man den perfekten Auftritt Chris Brokaws in den Mittelpunkt dieses Berichts stellen können. Sein virtuoses Gitarrenspiel, seine schnoddrige Stimme, seine zahlreichen Songs zum Niederknien, alle ausnahmslos in seinem Set vertreten, und eben nicht seine ebenso zahlreichen Experimental- und Instrumentalstücke, die aber zu einem ähnlich großen Teil das breitgefächerte Können des Mannes ausmachen, der Anfang der 1990er mit seiner Band Come zusammen mit Thalia Zedek den Ursprung von Grunge prägte.
Auch wenn das eben nur in aller Kürze geht, sei zumindest nochmal auf Brokaws 2006er-Album "Incredible Love" hingewiesen, eine wahre Songwriterperle, die damals lang nicht die angemessene Aufmerksamkeit bekam - beziehungsweise gar keine.
Es geht nicht, weil an diesem Abend im Underground auch noch Evan Dando, mit The Lemonheads mindestens ebenso großer Songwriter wie Brokaw und im Gegensatz zu ihm gar nicht unterschätzt, auftrat. Und dieser Gig inklusive seiner Vorgeschichte wurde so tragikomisch bis traurig, dass man davon in aller Ausführlichkeit erzählen muss. Alles begann damit, dass Dando nach dem Gig am Abend zuvor in Münster das Auto der beiden abgeschlossen und den Schlüssel im Kofferraum vergessen hatte. Im Laufe des darauf folgenden Tages ließ sich dieses Problem offenbar nicht lösen, so dass Dando und Brokaw verspätet im Underground erschienen, die geplanten Interviews absagen und sich Instrumente ausleihen mussten.
Diese Misslichkeiten brachten Dando offenbar von der Rolle und dazu, sich unmittelbar vor dem Konzert komplett abzuschießen, womit auch immer. Jeder Lemonheads-Fan weiß um die Suchtgeschichte Dandos und darum, wie anfällig er für Aufputschmittel jeder Art ist. Man denke an sein Fast Forward-Interview mit Charlotte Roche vor einigen Jahren, oder an seinen Ausraster beim Haldern Pop 2003. Das Konzert im Underground toppte diese Eskapaden noch. Locker.
Es begann damit, dass Dando während des Sets von Brokaw in der ersten Reihe im locker gefüllten Underground auftauchte. Er trippelte herum, sang und tanzte und setzte sich auf den Boden, in unmittelbarer Nähe der Raumverstärker. Brokaw schien ein wenig irritiert, lachte dann aber mit und zeigte gute Miene zum undurchsichtigen Spiel. Als Brokaw sein Set beendet hatte und Dando auf der Bühne erschien, sah er schrecklich aus, er wirkte bleich, verdrehte ständig die Augen und schielte in die Scheinwerfer. Das zu sehen war kein Trugschluss, es zeigte sich, dass er in der Tat nicht in der Lage war, auch nur einen Song wie geplant zu Ende zu spielen. Genau genommen schien er sich an gar keine Setlist zu erinnern und spielte wahllos Cover irgendwelcher Stücke, die ihm gerade in den Sinn kamen, mit Pausen und ungewollten Tempowechseln.
Als er selbst nach etwa 20 Minuten zu merken schien, dass irgendwas nicht stimmte, rief er Brokaw wieder auf die Bühne, viel früher als ursprünglich geplant. Brokaw kam, agierte mit eisernen Nerven und einer Engelsgeduld und rettete den Gig zumindest halbwegs. Er gab mit seinen Akkorden den Stücken Dandos Struktur und brachte ihn so dazu, sich an das angeschlagene Tempo zu halten, auch wenn man ihn jetzt schon am liebsten ins nächste Bett gewünscht hätte. Mit Brokaw im Rücken fühlte sich Dando offenbar wieder sicherer, er kicherte und alberte herum, während Brokaw keine Miene verzog und die zahllosen Ausfälle Dandos so gut es ging ignorierte oder kittete.
Im Publikum hatte währenddessen auch der Letzte gemerkt, dass das keine so geplante Show war. Die Leute gingen, standen etwas betreten herum oder applaudierten, wenn Dando mal ein Song halbwegs gelang. Alle zeigten sich geduldig und schwiegen, niemand beschwerte sich laut, so dass Dando das Gefühl nicht verließ, sein Gig würde funktionieren. Selbst als er in die alte Tourmusikerfalle tappte und allen Ernstes annahm, er sei in Hamburg, regte sich nur humorvoller Protest. Es war absurderweise auch nicht alles mies, was Dando an diesem Abend auf der Bühne fabrizierte.
Der Kontrast machte es, dass schon ein durchgehaltener Refrain dieser ungebrochen wundervollen Songs Dandos noch erleichternder und erhebender wirkte als in einem professionell durchgezogenen Set. Oder dass Zeilen wie "I'm too much with myself / I wanna be someone else" aus "My Drug Buddy" oder "Why can't you look after yourself and not down on me?" aus "Big Gay Heart" eine ungleich unmittelbarere Bedeutung bekamen. Eine komische Empfindung, irgendwo zwischen Voyeurismus und Gruppentherapie, ohne dass man sich als Zuschauer auch nur ansatzweise sicher sein konnte, richtig, wahrhaftig oder wenigstens angemessen zu reagieren.
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Intro 02.12.2009 | 14:01:00
Kontrastprogramm in Köln: Christian Steinbrink war begeistert von den Songwriter-Qualitäten des ewig unterschätzten Chris Brokaw und sah danach Evan Dando beim Ausnüchtern zu.
erden_kurzschliessen 02.12.2009 | 20:40:53
gut, dass ich nicht da war.
hätte geheult, also innerlich.
Sadsongs 02.12.2009 | 21:18:10
Wie gruselig! Ich habe ihn im letzten Jahr in Gebäude 9 gesehen. Offenbar war er da in vergleichsweise guter Verfassung. Ich empfand es aber trotzdem als grausames Bloßstellen eines Niedergangs. Man sollte ihn davor schützen, aufzutreten.
Link
Schoolruler 03.12.2009 | 00:47:08
absolute zustimmung von meiner seite!
manchmal wusste man wirklich nicht, ob man lachen oder weinen sollte. glück im unglück, dass chris brokaw großartig (und im bezug auf evan dando großmütig) genug war, den abend nicht in einem totalen desaster enden zu lassen...
black sheep beuys 03.12.2009 | 10:01:05
Heart's fear
"...der Anfang der 1990er mit seiner Band Come zusammen mit Thalia Zedek den Ursprung von Grunge prägte."
Der Ursprung von Grunge liegt also in den frühen 90ern. Soso. Auch wenn Herr Dando in Köln leicht indisponiert war, gehören er und die frühen Lemonheads, sowie viele weitere Bands zu einem Ursprung von Grunge, den man locker bereits in den 80ern ausmachen kann.
gnathonemus 03.12.2009 | 10:06:04
toller specht
... und überhaupt, wenn er irgendwas irgendwie prägte, dann doch eher post-rock mit codeine. tststs.
Ebbe 03.12.2009 | 10:26:08
über jeden anderen hätte ich gesagt: das konzert war eine frechheit. aber evan tut mir ernsthaft total leid...irgendwie bin ich froh, da gewesen zu sein. und wenn er dann sowas spielt wie "hard drive" kann man echt in tränen ausbrechen.
daisteinlicht 03.12.2009 | 12:22:47
ja, ich habe vor 4 Monaten in Berlin schon geweint und gestern mich erst gar nicht hingetraut. Ich bin stinksauer auf Dando. er kann einfach nicht seine tollen songs so gelangweilt und indiffernt runtersingen.
Das dando Konzert 2003 im gebäude war allerdings echt klasse.
drivenstate 03.12.2009 | 14:03:39
ich bin hier falsch
schönes gegenbeispiel, auch erst 2 wochen her:
happyjaq 03.12.2009 | 19:21:31
für das gegenbeispiel muss man nur 24 Stunden zurückgehen. münster tags zuvor war nämich wirklich prima. etwas schluffig, aber durchaus sympathisch mit vielen highlights.
köln war dann leider nur noch traurig. christians review fängt den abend wirklich gut ein.
freut mich allerdings, dass chris offenbar nicht nur mir wirklich sehr gut gefallen hat.
Fevers and Mirrors 03.12.2009 | 20:16:13
Berlin gestern war auch sehr schön, erfreulicherweise. Seine Liebe zum Musizieren war ihm deutlich anzumerken, keine Spur von Gleichgültigkeit. Und falls er gestern Drogen intus hatte, dann zweifellos die richtigen.
VanBullock 03.12.2009 | 20:21:29
zwei tage zuvor in trier war's ebenfalls ein schönes konzert. verpeilt war dando schon - aber das konzert hat er gut über die bühne bekommen. 70minuten mit einem haufen hits! kann mich nicht beschweren.
hahahamburg 04.12.2009 | 11:19:23
hamburg, gestern, kurz nach 21:00 uhr, chris brokaw kommt auf die bühne:
“can i get your attention please. I have have some good news and some bad news.
the good news is: evan dando is in germany.
the bad news is: he is far away from hamburg.“
er war wohl gerade erst in berlin losgefahren.
um 23:40 uhr ging es dann los.
die hälfte des publikums war schon gegangen, geld wurde erstattet.
dann hat er bis 01:25 uhr gespielt!
war eigentlich ganz gut.
er wirkte für seine verhältnisse gut beieinander, war ziemlich aufgekratzt, anfangs sehr gehetzt, hat sich oftmals für unser warten bedankt, nach songwünschen gefragt, etc.
das publikum war leider z.t. etwas zu bierselig, was wohl auch an der langen wartezeit lag.
drivenstate 04.12.2009 | 12:16:17
ich bin hier falsch
mann, also auf dieser tour passiert wenigstens mal was!
thats rock n roll!
ronzko 05.12.2009 | 12:36:52
penny sagt danke
hahahahamburg hat den abend in hamburg schön beschrieben. es gab aber auch noch eine begründung für die verpätung: "wir hatten probleme mit dem gps-system". "das ist die wahrheit" beteuerte er sogar. ja, genau..
was mich sehr gestört hat war das auffällig laute gebrabbel beim auftritt von chris brokaw. das war wirklich respektlos. genervt hat auch der typ der die ganze zeit rief "even we love you!" dabei konnte er nicht einmal den vornamen des künstlers richtig aussprechen.
das war jetzt mein 5 lemonheads/evan dando konzert. ich muss sagen so redselig wie an diesem abend war er noch nie! ich erspare mir das aber zukünftig und höre mir lieber mal wieder die alten platten an.
Reverend 05.12.2009 | 13:23:09
brüht im Lichte dieses Glückes
Wenn er wirklich immer so druff wäre, könnte er sich doch die Texte gar nicht merken. Und schluffig/lustlos waren z.T. auch die Lemonheads-Konzerte Mitte der 90er, also zur angeblichen Blütezeit.
Trotzdem eher tragisch, das Ganze.
nur_beruflich_hier 05.12.2009 | 15:55:08
-für den evan dando zwischendurch- kann man ihn auch gern auf seinem eigenen videokanal besuchen
Link
drivenstate 07.12.2009 | 09:44:04
ich bin hier falschTrotzdem eher tragisch, das Ganze.
Ich glaube, das Problem ist: Evan wurde einfach jahrelang von so vielen Leuten gesagt, er sei so unglaublich genial, jeder Furz von ihm sei total poetisch, dass er das eben verinnerlicht hat.
Das sieht man auch auf seinem Videokanal. Er hockt oben ohne auf dem Klo und murmelt was zur Gitarre. Geil.
Er denkt eben, wenn er auf der Bühne steht und einfach nur spielt, auch wenn es keine ganzen Songs sind, sondern nur Strophen von anderen Songs, sei das schon genial.
Deswegen flippt er auch aus, wenn Publikum nicht uneingeschränkt zuhört und sein Genie frenetisch feiert.
Er hat das permanente "Perlen vor die Säue"-Gefühl.
Nicht beneidenswert.
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