Health live
Bildergalerie vom Intro Intim: Die Ruhe im Sturm
19.10.2009, 09:58, Text:
Benjamin Walter, Foto: Sibilla Calzolari
Unser Autor Benjamin Walter war beim Kölner Intro Intim dabei und sah Hitverweigerung auf höchstem Niveau und brachiale Meditationsgruppen.
17.10.2009 Köln, Gebäude 9.
Es gibt diese Tage, da nistet sich eine schwer zu lokalisierende Unruhe im Körper ein, wie ein böses Virus. Mal ist sie im Kopf, mal im Bauch, dann wieder in der Hosentasche, wo das Handy vibriert. Die einen wollen viel zu viel von Dir, die anderen wollen überhaupt nichts. Wie also jetzt das Karma wieder aufpolieren, die Chakren ölen und das Ch'i wieder zum fließen bringen? Natürlich mit einem Konzert der brachialen Meditationsgruppe Health.
Doch vor die Erlösung in Lärmgewittern haben die Götter die Supportacts gesetzt und der Abend im angenehm gefüllten Gebäude 9 begann mit den drei finnischen Musikerinnen von Le Corps Mince De Françoise. Schwieriger Bandname, gute Show mit leicht streberhaftem, typisch skandinavischem Perfektionismus in Moves und Sound, der an die mittleren Le Tigre oder Chicks On Speed erinnerte, nur eben viel professioneller rüber kam. Insgesamt eine ambivalente Kiste, der leider etwas der Hit fehlte.
Fotostrecke:Das war das Intro Intim
Einen richtigen Hit hatte dann Picture Plane aus Denver - der sich mit einer Art Bügelbrett voller Geräten direkt im Publikum aufbaute - auch nicht in den iPod geladen. Vielmehr betrieb der junge Mann aus der weitere Posse um Health mit L.A.-Käppchen und unmöglichem Batik-Shirt Hitvermeidung auf höchstem Niveau. Früher House und 80er Synthie-Pop, zu dem Picture Plane mit verhalltem, fast traurigen Stimmchen sang, wurde mit herzhaftem Noise und zerhakten Beats zu einem schmerzhaft schönen Soundkunstwerk verschachtelt, in dem sich eben die großen Floorfiller immer nur kurz angedeuteten, um dann wieder von Beats und Subbass überrollt zu werden. Hier deutete sich am Zittern der Nasenflügel schon an, dass die PA des Gebäude 9 an diesem Abend gut aufgelegt war, was den folgenden Auftritt von Health endgültig zu einem physischen Erlebnis der Reinigung durch Soundekstase machte.
Wer jetzt noch einmal die Geschichte der L.A.-Wurzeln von Health um den schwer gehypten Club The Sweat nachlesen möchte, möge das bitte an anderer Stelle tun, in der Liveumsetzung schaltete sich schon nach den ersten Schlägen auf die Toms das Denken aus, und ein unglaublich geiler verzerrter Bass rückte im Körper so einiges wieder grade. Dazu kamen ein paar Töne aus den Effektbatterien am Bühnenrand, die man so auch noch nie gehört hatte.
Dabei schaffen es Health, die extreme Härte ihrer Songs vollkommen ohne affig männliche Kraftmeierei umzusetzen, während die hypnotischen, mal zarten, mal ravigen (und zwar eben nicht New Rave!) Gesangspassagen trotz höchstem Abstraktionslevel nie nach Spinnerkunst klingen. Alles fügte sich völlig organisch zu einem rhythmischen Hintergrunddröhnen, das so spannend wie entspannend in die Köpfe des hochzufriedenen Publikums kroch und neben der nachfolgenden Ruhe der Seele noch das Gefühl zurückließ, etwas wirklich innovatives gesehen zu haben. Mehr geht 2009 doch höchstens noch im schönen Traum.
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