So war das Reeperbahn Festival - Bilder vom Samstag: Klingender Ausklang Artikelbild (groß)

So war das Reeperbahn Festival

Bilder vom Samstag: Klingender Ausklang

28.09.2009, 11:21, Text: Daniel Koch, Foto: Thomas Victor

Daniel Koch war auch am Samstag noch ausgehfreudig: Seine Eindrücke des dritten und letzten Festivaltags bzw. -abends lest ihr hier.


26.09.2009, Hamburg. St. Pauli, diverse Locations.


Auf der Reeperbahn nachts um halb eins weiß man dann plötzlich, warum die Bands, die auf der öffentlichen Bühne des Reeperbahn Festivals spielen, dies nur am frühen Abend tun. An den Lärmschutzbedingungen kann's nicht liegen, bei den lautstarken Menschenwellen, die die Straße rauf- und runter rollen. Aber, wenn man sich die zerbrechliche Songwriterkunst von Morton Valence anschaut und -hört, möchte man diesen tollen Musikern nicht wünschen, die Horden internationaler Sauf- und Bumsbrigaden zu bespaßen, durch die man sich des nächtens schiebt. Zum Sonnenuntergang eines herrlichen "Nennt man das jetzt Spätsommer oder Frühherbst?"-Abends passen Morton Valence aber ganz formidabel.


Kurz zuvor gab's dann mal wieder die standesgemäße Einstimmung von und mit Ray Cokes im Schmidt Theater, der seine Tipps des Abends vorstellte und mit z. B. Heidi Happy, Animal Kingdom, Dear Reader, Hellsongs und Fight Like Apes Geschmack bewies. Es ist erstaunlich, wie schnell sich das "Meet & Greet with Ray" zu der Veranstaltung entwickelt hat, die dem Festivalabend eine gewisse Ordnung gibt, bei der man sich nach Ausschlafung des Katers oder nach einem Diskussionsnachmittag auf den Panels trifft, und nicht nur perfekt unterhalten wird, sondern vielleicht gar noch den ein oder anderen Bandtipp für später abgreift. Oder aber gar Turnschuhe, oder eine ganze Flasche Wodka - die fand Cokes nämlich hinter der Bühne. Und da er sie nicht mehr trinken wollte, weil er eher so der Kiffer ist (wie man seinen Moderationen entnehmen konnte), verschenkte er sie prompt im Publikum.


Auch der Samstag brachte dann aber die Sorgen und Nöte, die man so hat auf dem Reeperbahn Festival: Man schafft nicht alles, was man sehen will. Aber, die Devise sollte sein: Nicht stressen, eher treiben lassen. Während viele ihre Freuden bei The Tallest Man On Earth fanden, und die Großartigkeit dieses Mannes im weiteren Nachtverlauf gleich mehrfach betont wurde, zeigten Hello Saferide, warum man sich so leicht in sie verlieben kann. Leider zeigten sie das in der wohl schlimmsten, weil unpassendsten Location, die das Festival herzugeben hat - namentlich der O2-World on Tour. Nicht, dass man die mobile Location, die seit längerem durch die Großstädte zieht, verteufeln sollte. Immerhin gibt's hier - oft wirklich gutes - Line-up zum Nulltarif für alle. Auch die Getränkepreise sind bedeutend fairer als in den übrigen Hamburger Clubs. Aaaaaaber: Irgendwer muss den Leuten, die so was machen, noch mal erklären, dass weniger oft mehr ist. Zwar war das Branding dezenter, als andere Marken das so auffahren, aber allein mit der schrecklichen Marotte, vor jedem Act, mag er auch noch so leise und zerbrechlich sein, ein donnerndes Geigen-Pomp-Drama Intro abzuspielen, inklusiver gitarrenrockender Figürchen an den Animationswänden - allein damit, kann man all die Bemühungen wieder kaputt machen. Denn nach so einem - pardon - unpassenden Scheiß, antwortet jeder auf "O2 can do", allerhöchstens mit einem "Fuck you!" Also: Bitte gerne beim nächsten Mal drauf achten, dass das auch alles passt.

Nun lag es also an den Bands, solch einen schlechten Start aufzufangen, was Hello Saferide mit viel Spielfreude und einer kleinen Prise Irrsinn in Annika Norlins Bewegungen und Mimik recht fix hinbekamen. Und diese Lieder! Ist schon jemals so war über das erste Mal gesungen worden, als in "X Telling Me About The Loss Of Something"? Gibt es eine schönere Wahrheit als "people are like songs, I swear" in "I Wonder Who Is Like This One"? Gibt es Herzzereißenderes als "Anna", diese kleine Hymne an die Tochter, die es nicht geben wird, weil der potentielle Daddy "ongemoved" ist? NÖ! Pickepackevoll wurde es dann natürlich bei Headliner José González an selber Stelle, der einfach nicht mehr braucht als sich und seine Gitarre. Aber auch er schlich eher verunsichert auf die Bühne nach diesem Donnerintro und stimmte erst einmal ganz in Ruhe seine Gitarre, in der Hoffnung, dass jeder danach den Lärm vergessen hat. Also - "O2 can do", meinetwegen, aber bitte "…better!"




Also wieder in "richtige" Clubs, wie Hamburg sie ja nun mal genug hat. Friska Viljor machen im Docks (ach nee, das Ding heißt ja nu' D-Club) mal wieder alles wie immer. Und damit richtig. Nur mit dem Unterschied, dass sie nun auch neueres Material anbieten können, dass wie "Die Die Die" beweist, immer noch auf vertrunkene Verzweiflungssongs setzen, die sich nicht in Selbstmitleidstempo durch die Minuten suhlen, sondern diese Art verzweifelter Lebensfreude innehaben, die die ganze Scheiße mit dem nötigen Tempo wegspielen. Die Editors (Foto) bringen im Anschluss zwar den Laden zum Platzen, aber Ohren- und Augenzeugen konnten nicht unbedingt bestätigen, dass sich das auf die Stimmung auswirkte. Gar mancher sagte, diese Band klänge auf der Bühne einfach zu sehr nach Platte und hätte so gar nix anzubieten, was eine Liveerfahrung über den Genuss eines Albums hebt. Hartes Urteil eigentlich. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie mit ihrer neuen Keyboardlust noch kälter klingen als eh schon. Wenn sie sich jetzt auf der Bühne auch noch zu Charismakomapatienten entwickeln wird's düster enden. Aber die Jungs stehen ja auf düster…


1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.