So war das Sziget Festival
On An Island In The Sun
19.08.2009, 15:28, Text:
Florian Weber, Foto: Florian Weber
Wer einmal in Budapest auf dem Sziget gewesen ist, kann andere Festivals nur noch als mittelmäßig einstufen, findet unser Autor Florian Weber.
12.08. - 17.08.2009 Budapest, Obudai-Sziget
Beim Gang über die alte Stahlbrücke wird bereits die internationale Vielfalt des Sziget Festivals deutlich. Auf großen Plakaten werden die Besucher in allen möglichen europäischen Sprachen willkommen geheißen, während sie mit oft mehr als 1000 Reisekilometern in den Knochen ihr Ziel erreichen, die Donauinsel Obudai im Norden Budapests.
Für eine Woche im August verwandelt sich die Insel in eine eigene bunte Stadt voller Sonne und Staub, Musik und Spiel, Bier und gutem Essen. Was 1993 als eine Art studentisches Stadtfest begann, lockt inzwischen fast 400.000 Menschen aus der ganzen Welt auf das 108 Hektar große Areal. Man möchte meinen, dass sich die Ungarn dabei inzwischen sogar in der Minderheit befinden.
Fotostrecke:Sziget Festival 2009
Zusammen erfreuen sich die Besucher an einem Programm, das im Grunde genommen für eine Woche völlig überdimensioniert ist. Man könnte es auf einen Monat strecken und hätte noch immer mit Reizüberflutung zu kämpfen. Allein in punkto Live-Musik kann man sich von 13 mittleren bis großen Bühnen teils rund um die Uhr von Bands und DJs aus aller Welt beschallen lassen.
Deutschland wird dabei unter anderem durch die Toten Hosen vertreten, die auf der Main Stage zwischen ihren Gassenhauern vor allem den ähnlichen Klang der Worte "Köszönöm", ungarisch für "Danke", und "Düsseldorf" herausarbeiten. Als weiterer Vertreter sind The Notwist zur besten Zeit im sogenannten A38-Wan2-Zelt vor einer Menge, wie sie in Deutschland vermutlich eher selten bei Notwist-Konzerten erreicht wird, aufgrund technischer Schwierigkeiten zumindest über einen Großteil der planmäßigen Stagetime nicht in der Lage, zu spielen.
Die für das Festival untypischen Sound-Probleme sind auch noch bei den nachfolgenden Babylon Circus deutlich zu spüren, verziehen sich aber im Laufe des Konzerts, so dass die Franzosen ihre Ska- und Reggae-Offbeats auf die tanzende Masse nur so abfeuern können. In eine ähnliche, aber plattere Kerbe schlagen Ska-P am ersten Tag des Festivals auf der Hauptbühne, wobei die Spanier sich nach fünf Jahren nun auch einmal von einigen Elementen ihrer Bühnenshow trennen könnten.
Fleißiger sind da ihre Landsmänner von der Artistentruppe La Fura gewesen, die ihr neues Programm speziell auf das Sziget zugeschnitten haben. Die Katalanen sind spätestens seit ihrer Mitwirkung bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona ein Begriff und bieten jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit eine einstündige Show, die beeindruckender als jedes Konzert auf der Insel ist. Eine Art überdimensionales Laufrad mit acht Personen sowie eine gitterartige Aufhängung von sage und schreibe 52 Menschen an acht Seilen, jeweils per Kran in wahnwitzige Höhen befördert, stellen die beeindruckenden Höhepunkte in dem Stück "The Beat Of The Forest" dar.
Ein solches Theaterstück ist einer von vielen Skills des Sziget Festivals, die bei den meisten anderen Festivals maximal verkrüppelt ausgeprägt sind. Die Konzerte der Bands stehen nicht im Vordergrund. Es ist eine ganze Breitseite an kultureller Masse, die hier den Besucher mit voller Wucht trifft. Man tauscht sich beim Faulenzen in der Hängematte mit Italienern über die Mafia in Neapel aus. Man schärft seine Sinne für natürliche Prozesse wie die Änderung des Pegels der Donau, die bisweilen das idyllisch am Ufer aufgebaute Zelt bedroht. Beim Gang zum Dixie-Klo stolpert man auf einem Waldweg über einen ungarischen Folklore-Zug. Tagsüber kann man an unzähligen Ständen Handwerken und Spielen nachgehen. Man kann Ungarisch-Kurse belegen, sich einer Thai-Massage unterziehen, selbst ein Poker-Zelt ist vorhanden.
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