Das war das Electricity Festival
in Luxemburg: Raven in SaarLorLux
22.12.2008, 12:21, Text:
Roland Wilhelm
Raver, zur Rockhal. Roland Wilhelm begibt sich an einem verregneten Dezemberabend nach Luxemburg, um elektronische Tanzmusik zu hören.
19.12.08, LUX-Esch-Sur-Alzette, Rockhal.
Seit 2007 findet das Electricity-Festival, das vor ein paar Jahren in Saarbrücken entstand, an verschiedenen Daten auch im französischen Nancy und im luxemburgischen Esch-sur-Alzette statt, ganz im Sinne der Wirtschafts- und Kulturregion Saarland - Lothringen - Luxemburg, SaarLorLux genannt. Spielort in Luxemburg ist die Rockhal, für die Bewohner des angrenzenden Saarlands und des Trierer Raums eine Institution in Sachen Live-Musik, denn warum sollte man nach Frankfurt, Mannheim oder Köln fahren, um große Acts wie Kylie Minogue, Coldplay und R.E.M. oder Indie-Bands à la Crystal Castles und CSS zu sehen, wenn sie doch alle auch im anderthalb Stunden entfernten Esch gastieren, und das zu meist günstigeren Preisen als in Deutschland, dem luxemburger Steuerparadies sei Dank.
Die 2005 fertiggestellte, mit öffentlichen Geldern geförderte Rockhal liegt in einem ehemaligen Industriegebiet, das zur Zeit eine Großbaustelle ist, denn Esch-sur-Alzette, mit 30.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Luxemburgs und Geburtsstadt von Désirée Nosbusch, steckt mitten im Wandel von der Industriestadt hin zum Universitäts- und Wissenschaftsstandort, was sich auch an der kürzlichen Umbenennung des Bahnhofs des Industriegebiets von "Belval-Usine" ("Fabrik") zu "Belval-Université" ablesen lässt.
Trotz der Verwirrung, die diese Umbenennung verursacht - sie ist weder in manchen Zugfahrplänen noch in der Wegbeschreibung auf der Rockhal-Homepage vollzogen - finde ich an diesem regnerischen Dezemberabend meinen Weg zur Halle pünktlich zum Auftrittsbeginn des Festival-Headliners, des Gorillaz Sound Systems. Zu diesem Zeitpunkt haben sich ca. anderthalb bis zweitausend Besucher in der 6.000 Leute fassenden Rockhal eingefunden, was die große Haupt-Halle recht leer erscheinen lässt, aber angesichts der Tatsache, dass es in dieser Gegend keine wirkliche Szene für elektronische Musik gibt, schon beachtlich ist.
Das Gorillaz Sound System, ein DJ-Spinoff der Gorillaz, besteht aus zwei DJs, einem Percussionisten und zwei MCs, wobei mir aber nicht ganz klar wird, welche dieser Künstler auch der Kernband angehören, falls überhaupt - Damon Albarn ist jedenfalls wie erwartet nicht zu entdecken. Überthront von einer riesigen Leinwand, auf der grandiose, größtenteils aus Material der Videoclips der Band bestehende Visuals projiziert werden, zeigen die Akteure auf der Bühne eine sehr überraschende Präsenz, wenn man sich das Konzept der "virtuellen Band" Gorillaz vor Augen hält.
Völlig kontrastär zu der darin vollzogenen "Entmenschlichung", die die Band auch bei ihren Live-Gigs durchzieht, kommt beim Gorillaz Sound System die Musik von einer virtuellen, künstlichen Quelle, also einem Tonträger oder Computer, präsentiert wird sie aber von Menschen aus Fleisch und Blut, die weder durch Masken noch sonstwie ihre Identitäten zu verschleiern versuchen. Das Acting und das Geshoute der MCs wirken aber zugegebenermaßen ungemein unterstützend zum genreübergreifenden Mix der DJs, der sich aus Gorillaz-Stücken, aktuellen Hits z.B. von M.I.A., MGMT oder Madonna und älteren Titeln wie "Smells Like Teen Spirit" zusammensetzt und das - übrigens sehr heterogen und international wirkende - Publikum sehr schnell zum Tanzen bringt. Allerdings verfliegt die Euphorie nach ca. anderthalb Stunden relativ rasch wieder, als die Gorillaz-Smasher abgearbeitet sind und das Set HipHop-lastiger und etwas eintöniger wird.
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