Die Goldenen Zitronen live
in Mülheim: Ein Happen für zwischendurch
11.12.2008, 15:36, Text:
Christian Steinbrink
Auf ihrer kleinen aktuellen Tour haben die Goldenen Zitronen weder Kostüme noch Lederjacken oder Torwände parat. Ihr Konzert in Mülheim gelingt aber trotzdem. Denn sie haben ja noch: Den Punk.
10.12.08, Mülheim (Ruhr), Ringlokschuppen.
Eigentlich hätte der zumeist als Theater genutzte Mülheimer Ringlokschuppen perfekt gepasst für die rollende Requisitenkammer, die die Goldenen Zitronen auf ihren letzten Tourneen mit sich schleppten. Und außerdem war es ja auch toll: Ein in einer umfunktionierten Torwand festklemmender Schorsch Kamerun, der die Texte des wundervollen Stücks "Mila" rezitiert, ein Ted Gaier, der im Bonaparte-Kostüm endlich die Rolle seines Lebens fand und darin immer noch besser aussah als Helmut Geier im feinsten Armani-Zwirn, und ein Julius Block, der sein unbewegtes Nachrichtensprechergesicht zur Perfektion getrieben hatte. Zumindest letzteres wurde auch heute geboten, auf der kleinen Zitronen-Tour anlässlich der Veröffentlichung der hochinteressanten Goldies-Doku-DVD "Material".
Ansonsten sind die Zitronen ja auch nicht verlassen, wenn sie sich nur auf die Musik verlassen. Und gediegene Dandyanzüge und sonstige Punkaccessoires tragen. Da stört es auch nicht, dass der Saal des Ringlokschuppens eher für Premierenpartys gemacht zu sein scheint, denn der Raumklang ist während der ersten Stücke des sehr früh beginnenden Sets alles anderes als brillant.
Video: Die Goldenen Zitronen - "Menschen haben keine Ahnung"
Nach diesem etwas holprigen Beginn sind diese Probleme aber bald überwunden, die Zitronen grooven sich ein und drehen auf. Ganz wörtlich, sie drehen an der Temposchraube. Songs wie erwähntes "Mila" werden deutlich rasanter dargeboten als bekannt, danach kommt eine ganze Reihe von Punkklassikern aus ihrer Feder: "0:30, gleiches Ambiente", "Ketten bilden" "ICE Bertold Brecht" und später sogar "80 Millionen Hooligans". Kameruns Hörspiel "Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt" wurde wenige Tage vorher am gleichen Ort aufgeführt, dementsprechend heimisch scheint er sich zu fühlen. Aber auch die anderen gewinnen die Selbstverständlichkeit der Bühne schnell wieder, etwa Schlagzeuger Palucca, der wie ein gemütlicher Meister seinem nervösen Stift Stephan Rath misstrauisch rauchend zuschaut, wenn der ausnahmsweise mal das Schlagzeug übernehmen darf.
Es wird im Laufe des Konzertes schnell deutlich, dass die aktuelle Konzertreise für die Zitronen keine propere Tour mit konzeptionellem Überbau ist, dass man stattdessen einfach schnell ein Set eingeprobt hat, um es ohne optischen Mehrwert auf die Bühne zu bringen. Schlecht ist das aber nicht, im Gegenteil für einen Teil der alten Mülheimer Punks ziemlich erfrischend und fast versöhnend. Da ist es auch nicht schlimm, dass die Band nach einem dreiviertelstündigen Best-Of die Bühne schon wieder verlässt, zumal sie letztendlich doch in einem dreigeteilten Zugabenblock fast dieselbe Spielzeit noch mal dran hängt. Danach verzieht sich ein Teil der Band ganz klassisch ins nahe liegende AZ, nicht ohne vorher wohl eher unbewusst eine heiß gehandelte Information zu streuen: Es soll ein neues Album zumindest nicht mehr ewig weit entfernt sein. Wollen manche gehört haben.
Heute (11.12.) spielen Die Goldenen Zitronen im Kölner Kulturbunker Mülheim. Im Vorfeld des Konzerts eröffnet Intro-Autor Martin Büsser den Abend mit einem Vortrag über Entwichlung des Polit-Pop seit 1968.
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