Daniel Johnston Live - Bipolare Störung Artikelbild (groß)

Daniel Johnston Live

Bipolare Störung

03.11.2008, 19:04, Text: Daniel Koch
[5 Kommentare]

Es will nicht aufhören. Bis in den höchsten Rang klatschen sie, trampeln sie, johlen sie, jubeln sie. Man weiß nicht so recht, ob diese Szenerie Daniel Johnston da hinter der Bühne eher Angst macht, ihn vor Rührung weinen lässt, oder ob er das inzwischen gar gewohnt ist, dass und locker abprallen lässt.

Letzteres eher nicht, das widerspräche allem was man über ihn weiß, und es widerspräche auch seinem Auftreten beim heutigen Konzert in der Berliner Volksbühne - wie er zitternd am Mikro steht, wie er immer wieder hektisch und innerlich rasend zur Wasserflasche greift, sie dabei häufig umwirft, wie er von plötzlichen Selbstbewusstseinschüben ergriffen für eine kurze Ansage lang, nicht den "Sorry Entertainer" sondern mal den eloquenten Entertainer gibt - um dann bei der nächstbesten Jubelwelle gleich den Applaus überzubürsten, in dem er demonstrativ das nächste Lied anstimmt.


Ein Konzert von Daniel Johnston bewegt und verwirrt gleichermaßen. Zwangsläufig fragt man sich, wie man diesen Abend jemandem erklären soll, der Johnstons Faszination noch nicht erlegen ist. Da steht dieser blonde oder blondierte, medikamentös aufgeschwemmte Mann, spielt seine kleine Gitarre, versemmelt den einen oder anderen Griff und singt mit hoher, brüchiger Stimme Lieder, die zwischen Naivität, Depression und galligem Humor pendeln. Man schaut und schmunzelt, spürt eine Gänsehaut auf seinen Armen und sorgt sich dabei die ganze Zeit um diesen Mann. Der taz-Autor Detlef Kuhlbrodt bemerkte in den Liner-Notes zum Live-Album "Why Me" - einem Mitschnitt des Johnston-Konzerts in der Volksbühne im Jahr 2005 - sehr treffend, man hätte das durchdringende Gefühl "etwas Indiskretes" zu tun, wenn man Johnston zuschaut.



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  • User: smartie
  • smartie 04.11.2008 | 19:59:18

    hm, ich finde das konzert ja sehr interessant und überlege, in köln hinzugehen - hab aber die befürchtung, dass es mich wie bei television personalities in den vorraum vertreiben könnte ob der unangenehmen gefühle beim zuschauen... während es scheinbar auch leute gibt, die die fast schon "freakshow" zu nennende performance interessiert betrachten können... da ist die grenze aber dann wohl sehr persönlich?!...

  • User: Daniel Koch
  • Daniel Koch 05.11.2008 | 10:56:53

    Ich kann das wirklich nur empfehlen, verstehe aber auch die Befürchtungen. Was war denn bei den Television Personalities so schlimm? Habe von der Show gar nix gehört. Bei Johnston hat man ja noch die Sicherheit, dass seine Songs einfach so wahnsinnig gut sind auf ihre Weise. Da siegt dann die Gänsehaut über das mulmige Gefühl. Und, ich glaube, bei ihm kann man immer noch sicher sein, dass er einfach von der Bühne stapfen würde, wenn's ihm nicht mehr gefällt ;-)

  • User: smartie
  • smartie 05.11.2008 | 16:45:41

    Von meinem Standpunkt im Gloria - eher vorne... - schien es so, als ob Dan Treacy weder sein instrument noch seine Körperfunktionen noch so richtig unter Kontrolle hatte. Und die Band um ihn herum war besorgt, dann doch noch eine eher mittelmäßige Show drumherumzubauen, aber das (mir) hat keinen Spaß gemacht.
    Aber der Optimismus und deine positive Nachlese haben gesiegt - die Karte für morgen liegt bereit!

  • User: Daniel Koch
  • Daniel Koch 05.11.2008 | 17:43:13

    Dann schreiben'se doch mal, wie's in Köln war. Tät mich interessieren...

  • User: smartie
  • smartie 07.11.2008 | 00:08:38

    Schön war´s! Und kürzer als in Berlin, würd ich mal schätzen - ein dickes Vorprogramm, zu dem ich nix sagen kann weil zu spät gekommen. Daniel Johnston wirkte ähnlich wie oben beschrieben, aufgeregt und würdevoll. Ich bin grad mit dem Gedanken nach Hause gefahren, dass es nicht immer einfach ist, das Leben - aber mit einem Lächeln im Gesicht.

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