Metallica live
Bildergalerie: Please 'em all
15.09.2008, 10:39, Text:
Daniel Koch, Foto: Arne Sattler
Ausgerechnet einer Metalband wurde die Ehre zuteil, den neuen Berliner Sponsoren-Event-Tempel zu eröffnen. Obwohl Metallica natürlich längst so Mainstream sind wie der Dalai Lama. Daniel Koch war dabei.
12.09.08, Berlin, O2 World.
Lars Ulrich hat keine Groupies mehr unter dem Drumkit, James Hetfield trinkt nicht mehr schon ab 15 Uhr Jägermeister-Wodka und Kirk Hammett entwickelt dieselbe Leidenschaft, die er sonst für das Koksschnupfen aufbrachte, inzwischen nur noch für die Haarpflege. All das hat die Band formerly known as Alcoholica seit den langen Touren zum schwarzen Album zum Glück hinter sich gelassen. Man ist inzwischen aufgeräumter - und wahrscheinlich deshalb marktführend im Dienstleistungs-Rockgeschäft. Was auch der Grund sein dürfte, warum einer Metalband die Ehre zuteil wird, Berlins neueste und größte Multifunktionshalle zu eröffnen. Aber bevor man sich wundert: Das bunte Blinkband unter dem zweiten Rang macht eifrig Werbung für die weiteren Veranstaltungen. Als da wären: der Dalai Lama, die Puhdies und Udo Jürgens. Ach ja - Coldplay machen sich in der Reihe auch ganz gut.
Man merkt es schon: Es gab viel zu lästern im Vorfeld der Veranstaltung. Die Altväter der wohl finanzkräftigsten Rockband around spielt im nicht gerade dezenten Berliner Politikum O2 World. Andererseits ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Metallica an diesem Abend viel richtig machen. Sei es der faire Preis von 10 Euro pro Karte, sei es die Tatsache, dass alle Einnahmen an "Ein Herz für Kinder" gehen oder dass der Ticketverkauf über spezielle Fanclubforen in ganz Europa abgewickelt wurde. Aus diesem Grunde schwirren einem schon auf dem langen, windigen Weg gen O2 World Wortfetzen in Englisch, Russisch, Polnisch, Spanisch und Französisch um die Ohren. Statt "Kill 'em All" wie einst, scheint das neue Motto zu sein: "Please 'em all". Der Erregungsgrad der Fans ist folglich ein hoher, denn immerhin werden nicht nur viele neue Songs von "Death Magnetic" zum ersten Mal live präsentiert - am weltweiten Erstverkaufstag des Albums - Hetfield & Co. haben zudem verlauten lassen, viele Songs zu bringen, die es live schon lange nicht mehr zu hören gab.
Fotostrecke:Metallica live in Berlin
Die erste Überraschung erwartet einen bereits beim Betreten der Halle. Metallica sind ja schon länger bekannt dafür, immer wieder mit der Form ihrer Bühnen rumzumachen - man denke nur an das "Snakepit" - diesmal aber drehen sie völlig durch: die Bühne ist in der Hallenmitte und nimmt einen Großteil des Innenraumes ein. Ulrichs Drumkit steht dabei auf einem augenscheinlich drehbarben Podest in Plattformmitte. Acht Mikroständer verteilen sich an den Seiten, während in der Mitte ein paar hüfthohe Boxen rumstehen. Mit Kissen drauf wären das prima Sitzgelegenheiten.
Metallica verteilen sich zum dröhnenden Morricone-Intro auf der Bühnenfläche und beginnen mit dem neuen Track "That Was Just Your Life" - der auch das Album eröffnet. Ein typischer Metallica-Stampfer, bei dem sich Ulrich mit voller Wucht eindreschen kann. Weiter geht es mit "The End Of The Line", ebenfalls ein neuer Track, den die Fans in den Frontreihen aber augenscheinlich schon kennen. Überhaupt macht es einem das "Death Magnetic"-Material leicht, sich zurechtzufinden - vor allem, wenn man Metallica seit "…And Justice For All" ein wenig aus den Augen verloren hat. Der Sound ist dabei leider von Anfang an auf Kopfschmerz aus, was nicht unbedingt als Kompliment an die Mischer gedacht ist. Die Hetfield-Gitarre sägt ein wenig zu sehr, Ulrichs Drumschläge knallen fast zu hart ins Ohr, Hammetts Soli fiepen stellenweise und Robert Trujillos Bass verliert sich manchmal im Gesamtsound, was schade ist, treibt er doch viele der neuen Songs ungemein voran.
Von den alten Krachern wählt man zum Beispiel "The Thing That Should Not Be", das unvermeidliche und immer noch geniale "One" und sogar "For Whom The Bells Tolls" - allesamt professionell runtergekloppt, wobei man der Band nicht unbedingt vorwerfen kann, sich dabei gelangweilt zu geben. Im Gegenteil. Die Herren tun was für ihr Geld. Das Manko bleibt allerdings diese seltsame Bühnenwahl, die dazu führt, dass die ganze Band eine Art Reise nach Jerusalem veranstaltet. Dabei macht Trujillo die meisten Bühnenmeter und trägt, wie man es kennt, den Bass permanent auf Kniehöhe, oder die Knie auf Basshöhe, Hetfield ist ganz Breitbein und Stiernacken und Hammett verwirrt mal wieder mit seinem femininen seltsam hüftbetonten Schlurfgang, während er sich die wildesten Akkordfolgen aus den Fingern gniedelt. Seine Effektpedale werden derweil von einem speziell geschulten Roadie getreten, wie man unlängst im Q-Magazine nachlesen konnte. Ulrich hingegen ist ein Gockel vor dem Herrn. Wenn er nicht gerade sein Drumkit verdrischt, vertritt er sich nach den Songs die Beine und sieht dabei ein wenig aus wie Gollums früh verstorbener Bruder. Ob's der Mann im Rücken hat?
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