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Wir sind Helden live

Besoffen vor Glück

25.08.2008, 12:03, Text: Klaas Tigchelaar
[1 Kommentar]

Wer an diesem Abend kein Volksfest-artiges Spektakel mit Seifenblasen, Nächstenliebe, Bratwurst und Bier erwartet hat, ist wohl ein bißchen naiv. Wir sind Helden sind Konsens bei klugen Gymnasiasten und ihren kleinen Geschwistern, ebenso wie bei deren Eltern, den nebenan wohnenden Start-Up-Singles und dem Biohof-Pärchen aus dem Yoga-Kurs. Gute Musik für gute Menschen eben.

23.08.08, Bonn, Museumsmeile

Zwischen Museums-Mauern und Zeltdach ein Lächeln wie eine schwankende Bierbank auf jedem Gesicht. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Sause schon um 17.50 Uhr seinen Anfang nimmt, mit dem Schweinerock von The Guns aus Wales, die wir leider verpassen. Aber zur zweiten Band sind wir pünktlich. Die Shout Out Louds zelebrieren ein zurückhaltend-sympathisches Set voller The-Cure-Reminiszenzen und vermeiden überbordenden Publikumskontakt. Was völlig unberechtigt scheint, denn die Die-Hard-Helden-Fans sind so lieb, dass sie im Gegensatz zu fanatischen Anhängern der Ärzte, Hosen oder Tokio Hotel auch andere Musik goutieren zu können. Der Applaus ist laut und ehrlich.


Um kurz nach 20 Uhr geben Judith Holofernes und Band dem mit selbstgemalten Pappschild-Botschaften und rhythmischem Klatschen unterstrichenen Helden-Verlangen nach und betreten in Begleitung eines Bläser-Trios und unter Gejohle der wogenden Massen die opulente Museumsmeilen-Bühne. Kinder in Helden-T-Shirts zappeln auf den Schultern ihrer Eltern, rausgeputzte Büroangestellte schütteln das Haar, die Party beginnt. Das Publikum bekundet ohne Unterlass seine Zuneigung für die Band, die Band geht weit über das "ihr seid ein Klasse-Publikum"-Lob hinaus und erzählt Geschichten, tauscht Insider-Codewörter mit der Menge aus und veranstaltet Spiele, bei denen die vor der Bühne den Anweisungen der Bandmitglieder Folge leisten. Höhepunkt für Band und Fans: Judith schmeißt sich in der Mitte des Sets in die Menge, eine Runde Crowdsurfing und noch mehr Liebhaben.

Zwischen all der Volksfest-Stimmung spielen Wir sind Helden natürlich auch Musik. Pflichtprogramm wie "Denkmal", "Kaputt", "Die Konkurrenz", "Von hier an blind", "Die Reklamation", "The Geek (Shall Inherit)" oder "Nur ein Wort". Und auch anrührige Lieder wie "Darf ich das behalten" oder "Lass uns verschwinden" zu denen natürlich Leuchtstäbchen und Wunderkerzen ausgepackt werden. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Band es nicht dabei lässt, Hit an Hit runter zu spielen und sich feiern zu lassen, sondern durchaus auch Interesse am Erlangen des ganz privaten musikalischen Glückszustands zeigt. Mehr als ein Mal klingen sie in alternativen Enden aus, waten durch ungekannt-psychedelische Zwischenparts oder streuen beiläufig ein paar neue Rhythmen ein. Dann kriegen wir statt bloßer Reminiszenzen (siehe oben) auch noch die echten Cure in Form einer eingeflochtenen, halben Coverversion von "Why Can't I Be You", die albernerweise in den Saxophon-Schmelz von "Never Gonna Dance Again" (George Michael) entgleitet und schließlich von "Blow Him Back Into My Arms" (Moneybrother) gefolgt wird.

Und dann ist Zeit fürs Zugaben-Spiel bis alle ihre Glückseeligkeit aufgebraucht haben und auf Wolke sieben nach Hause schweben. Ein bißchen viel Knuddeln-für-eine-bessere-Welt allenthalben, aber das Gesamtpaket der Helden-Darbietung schafft es doch tatsächlich, dass auch weniger kieksige Zeitgenossen wie ich am Ende ein gewisses zufriedenes Glücksgefühl empfinden.



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  • User: Peter Flore
  • Peter Flore 25.08.2008 | 12:14:45
    Köstlich
    Das Publikum und die allgemeine Glückseligkeit nicht zu mögen, leuchtet mir ja in Teilen ein. Die Band allerdings finde ich nach wie vor einen so integren wie wichtigen deutschen (Konsens-)Pop-Act. Ich fand auch "Soundso" wieder ein tolles Album, obwohl sich da ja viele endgültig abgewendet haben.

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