Gnarls Barkley live
Bildergalerie: Duo mit zwei Fäusten
16.07.2008, 10:23, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Jens Buschenhenke
Alles, was bei dem Duo auf Platte noch halb und unfertig klang, findet auf der Bühne seine Vollendung. Findet Christian Steinbrink.
14.07.08, Köln, Gloria
Vor der gemalten Silhouette der Wolkenkratzer Atlantas nimmt Cee-Lo Green seine Sonnenbrille ab. Das Weiße in seinen Augen wirkt fast ebenso eindringlich wie der Blick seiner Pupillen. "Now I'm starting to get physical" dröhnt er unter dem Jubel des Publikums im vollen Gloria-Theater und zieht sein weites weißes Hemd aus. Zunächst sticht nur seine fette, unter ein Feinripp-Unterhemd gezwängte Wampe ins Auge, wenig vorteilhaft sieht das aus, dann bemerkt man erst seine Keulen von Oberarmen. "Der hat immer nur Schulter und Arme gemacht. Genauso wie die Rotlichttypen bei uns im Laden," erklärt der in einem Fitnessstudio beschäftigte Freund neben mir. Gewaltig sieht das aus, und es korrespondiert perfekt mit der unnachahmlich kraftvoll jaulenden Stimme des Mannes aus Georgia, mit der er zuvor mit einigen wenigen Songs das alte Theater in der Kölner Innenstadt komplett zum Kochen gebracht hat.
Es gab vor diesem ersten Gig Gnarls Barkleys in Köln eine Menge Gründe zu glauben, dass dieses Konzert einen sehr unbefriedigenden Verlauf nehmen könnte. Schließlich waren nach "Crazy", dem Überhit des Jahres 2006, weder die folgenden Singles noch die beiden Alben "St. Elsewhere" und "The Odd Couple" wirklich überzeugend. Außerdem unterließen Green und sein Kumpane Danger Mouse es abgesehen von vereinzelten Festivalauftritten lange, ihre Live-Qualitäten zu beweisen, so dass hier und da schon über ein mögliches Stigma als klassisches "One-Hit-Wonder" gemunkelt wurde.
Fotostrecke:Gnarls Barkley live
Als Gnarls Barkley auf die Bühne kommen, brauchen sie nur einen Song, um jede skeptische Befürchtung mit einem Schlag zunichte zu machen. Der Song heißt "Charity Case" und ist der Opener ihres aktuellen Albums. Denn alles, was an diesem Stück und einigen anderen auf der Platte halb und unfertig klang, findet auf der Bühne seine Vollendung. Gnarls Barkley haben sich für ihre Tour eine propere R&B-Band zusammengesucht, die ihre Stücke zu einem unwiderstehlich dreckigen Tanzvergnügen macht. Wer dachte, dass die beiden Soulboten aus dem Süden eine steril klingende Popshow abliefern würden, kannte weder Cee-Lo noch Danger richtig oder muss ein sehr miesepetriger Zeitgenosse sein. Ihr Sound ist wahrhaftig alles andere als sauber, und das scheint so gewollt und so auch sehr passend zu sein. Während Cee-Lo mit seiner beeindruckenden Physis die Bühne ganz für sich einnimmt und zu einem großartigen Showman avanciert, bleibt Danger Mouse sonnenbebrillt und supercool wie ein Impersonator der Figur des Krause aus den Hotze-Comics in der Groove im Hintergrund, wiegt bei seinem Klavierspiel leicht im Rhythmus oder klimpert wie beiläufig mit Tamburin oder Xylophon herum.
Früh bringen Gnarls Barkley die veritablen oder auf ihren Platten nur erahnten Hits, "Gone Daddy Gone", "Run" und vor allem "Going On", das übrigens den hierzulande leider kaum gespielten, besten Tanzvideoclip seit sehr langer Zeit hat.
Video: Gnarls Barkley - "Going On"
Das Ensemble auf der Bühne wirkt die ganze Show über wie gemalt, ein wilder Haufen von ekstatisch tanzenden MusikerInnen, dazu ein Weltklasse-Sänger mit überwältigender Präsenz und ein sich dezent im Hintergrund haltender Bandleader. Außerdem ein Publikum, das durchdreht wie in Köln schon sehr lange nicht mehr erlebt, und zwar von Beginn an. Cee-Lo erweist sich als ein sehr emotionaler Musiker der Sorte, die sich von solchen Ovationen anstacheln lassen können und erst durch so einen dicken Regen aus auf ihn einprasselnder Liebe zu Höchstform auflaufen. Sogar ohne nennenswerte Gesten oder einen großen Aktionsradius feiert er sich, Danger Mouse, seine Band und das Publikum, wie es nur wirklich große Crooner tun. "Crazy" spielen sie pflichtschuldig auch noch, allerdings gut versteckt kurz vor Ende des regulären Sets.
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