Und das war Rock Am Ring
Der Rückblick auf das Festivalwochenende
10.06.2008, 16:19, Text:
Daniel Koch
[15 Kommentare]
Von Dimmu Borgir bis Babyshambles: Daniel Koch fasst die drei Tage Nürburgring nochmal umfassend zusammen. Sein Motto: Reunion-Tour im Affenzirkus. Die Nachlese zum Festival.
Campino hat den Rock am Ring ganz wunderbar getroffen, in dem er ihn im EinsLive-Interview einen "Affenzirkus“ nannte. Denn das ist er, und das bleibt er – er ist nicht nur Deutschlands größtes Rockfestival, sondern auch ein gesellschaftliches Event, das die Bussi-Gesellschaft ebenso in Scharen anzieht, wie die Saufbrigaden und eben auch den gemeinen Musikfreund. Der Erregungsgrad ist Affenzirkus-gemäß ein durchgehend hoher bei allen Beteiligten, sei es weil man die passenden Pumps zum passenden VIP-Lounge-Bändchen trägt und dem kleinen Ochsenknecht Schminktipps geben konnte, sei es, weil man den Tetrapack mit Schlumpfpisse auf’s Gelände schmuggeln konnte und schon zu Mittag nix mehr merkt – oder sei es, weil man gerade einen tollen Auftritt gesehen hat. Denn die gab’s dort zuhauf – was man bei all den kursierenden Abneigungen gegen diesen Riesenevent nicht vergessen darf.
Den Freitagabend verbrachte man am besten im riesigen Soundwave-Tent – nicht weil es draußen im bekannten Eifel-Style schauerte, sondern weil man dort im Kleinen ein Phänomen beobachten konnte, das Kulturjournalisten schon längst als Trend ausgerufen haben: Die Verschmelzung von Elektro- und Rockmusik. Headliner Justice hatten da vielleicht noch die besten Karten, sind ihre dröhnenden Soundgottesdienste doch gar nicht so weit entfernt von der größenwahnsinnigen Inszenierung einer Überrockband.
Erwartungsgemäß gigantisch war dann auch die Kulisse, die sich einem von den letzten Reihen aus betrachtet bot. Das Leuchtkreuz, die Amp-Aufbauten, die zuppelnden Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, die auch eher aussehen wie die Roadies der Hellacopters und davor von der ersten bis zur letzten Reihe geballte Fäuste und springende Menschen, von denen nicht wenige eher die klassischen Rockbands auf dem Shirt hatten. Schwieriger wurde es dann schon bei CSS, wo es einzweidrei Lieder dauerte, bis die Menge in Schwung kam. Aber bei Songs über 'Alcohol' und über Liebesspiele zu Indierockplatten kriegt man auch eine RaR-Audience rum – vorausgesetzt man tritt mit der CSS-eigenenen Spritzigkeit auf und zeigt vollen Körper- und Stimmbandeinsatz.
Faszinierend wurde es dann bei Róisín Murphy, die schon im Interview charmant großkotzte, sie und ihre Band seien viel mehr Rock’n’Roll als all diese Bands zusammen. Und überhaupt: "Disco is the new Rock’n’Roll!" Das lebte sie dann später auf der Bühne vor, und man konnte z. B. sehen, wie drei Jungs in Metallica-Shirts fasziniert auf die Bühne starrten und ihnen der Atem stockte, als Miss Murphy mit Mint-Sakko, hauchdünnen Stretchoberteil mit nix drunter und modischem Hut zu ihrem Disco-Update über die Bühne tanzte. Die Reaktionen der drei: Zwei fanden sich plötzlich in geschmeidigen Disco-Dance-Moves wieder, und der dritte grantelte: „Ihr spinnt doch. Das ist doch Kacke. Ich bin weg!“
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liamnoel 10.06.2008 | 17:05:13
Auf den Punkt! Deshalb jedes Jahr wieder! Danke!
Vorstadtprinzessin 10.06.2008 | 20:28:59
Mein persönliches Highlight war ja, dass Wilson Gonzales Ochsenknecht im Babyshamblespublikum mit seiner verkleideten New-Rave-Clique neben mir stand und seine ritterlichen Freunde einem Freund von mir, der Willi versehentlich auf die Füße trampelte, verstehen zu geben versuchten, dass Wilson "bitte nur EIN MAL auch seine Privatsphäre genießen" wolle.
Platz zwei der Kuriositätenliste geht an Pete Doherty für seine verpennert-niedliche Ausrede für das Zuspätkommen der Band:
"Es tut mir leid, wir sind spät - aber: eine kleiner Radiergummi - eh - hat - eh - unsere Airflug kaputtmaken!"
Nicht zu vergessen natürlich auch die sexy CSS-Gitarristin, die das Tragen von orange/pink-farbenen, paillettenbestickten Schmetterlingsshirts für mich absolut legitimiert hat.
Editiert von
Vorstadtprinzessin am 10.06.2008 20:30:34
snorej 10.06.2008 | 20:34:50
und metallica waren so toll, oder auch nicht.
mittlerweile krieg ich pickel wenn ich lars ulrich auf der mattscheibe seh, der typ hat doch voll einen an der waffel.
Daniel Koch 11.06.2008 | 06:19:18
Du hast Wilson Gonzalez Ochsenknecht im Publikum gesehen!? (wie simuliert man denn bei einem Posting ein hysterisch überdrehtes Quieken? das wäre jetzt jedenfalls an dieser Stelle) Hätte ich jetzt jedenfalls gar nicht gedacht, dass der sich ins Fußvolk traut. Aber bei der Alternastage kann man halt nicht vom VIP-Boxenluder-Steg drauf schauen... Ich hoffe, ihr konntet euch das Lachen verkneifen. Das hätte ihn sicher noch mehr provoziert ...
Stylewalker 11.06.2008 | 17:26:48
Schön geschrieben, danke!
Vorstadtprinzessin 11.06.2008 | 18:44:21
Ich muss zugeben, dass ich zeitweise auch mehr den Willi angeglotzt habe, als den Pete. Aber er war einfach ZU kauzig zum Wegschauen. Richtig peinlich war aber, dass er und die besagte Clique nach dem Konzert wie von der Tarantel gestochen hinter so ne Absperrung "geflohen" sind (Anführungsstrichte, weil der Grund nicht ganz ersichtlich war), um sich dort von einem verspiegelten Van abholen zu lassen...
Daniel Koch 12.06.2008 | 11:51:43
Auch noch ein verspiegelter Van? Das ist dann ja schon fast VIP-VIP ... das leben als Z-Prominenz muss echt ein schönes sein, wenn man diese Vorzüge genießen kann. Leider muss man dann auch immer bei der ach-so-exklusiven Backstage-Party mit Grillen und Whirpool rumhängen, wo es keine Gitarren aus der Konserve gibt sondern nur schluffige Housebeats... und wo immer so kleinwüschsige Menschen mit kreisrundem Haarausfall rumlaufen, die von den Sponsoren eingeladen wurden... ach, man will eigentlich doch nicht tauschen...
schons 12.06.2008 | 12:15:14
ich kann das aber schon nachvollziehen, dass man genervt ist, wenn einen die ganze zeit alle anstarren und volllabern. da wird man halt empfindlich. peinlich allerdings ist dümmliches "promi"-bashing; das sagt mehr über den indie-trottel als über den äh "z-promi" aus. und gibt es etwas einfacheres als sich über menschen in vip-bereichen aufregen? was kommt als nächstes? die emphatische abrechnung mit robbenschlächtern?
retox 12.06.2008 | 12:16:23
haltbar bis 30.09.08
"und gibt es etwas einfacheres als sich über menschen in vip-bereichen aufregen?"
anscheinend schon(s) ;-)
schons 12.06.2008 | 12:18:15
aber gut, dass so unprominente heroen wie uns pete so gar nicht celebritymässig drauf sind. nee, die sind ja indie. herrje. die totalverblödung..
retox 12.06.2008 | 12:20:35
haltbar bis 30.09.08
na, was hab ich gesagt?
Daniel Koch 12.06.2008 | 13:05:25
immer schön, den schons auf den plan zu rufen. das generiert user-kommentare, was wohl wiederum clickzahlen generiert.
Es ging mir ja eigentlich gar nicht so sehr ums Promibashing. Ich find den Zirkus um diese Partys, auf denen man sein "muss", halt immer sehr bizarr. Man steht da so und denkt: Ich bin jetzt da, wo ich immer hinwollte, als ich noch als kleinerer Indie-Trottel auf Festivals war. Backstage! Juchee! Und dann stellt man irgendwie fest, dass die Macher vom Glastonbury es ganz richtig auf ihre Website schreiben: "Backstage is boring!" Man solle sich lieber das Publikum anschauen... und so ist's meiner Meinung nach auch. das war bzw. sollte mein Punkt sein...
marco fuchs 12.06.2008 | 13:13:55
immer mensch geblieben
Ist "Eiffel-Style" ein Gag, den ich nicht verstehe?
schons 12.06.2008 | 13:57:32
immer schön, den schons auf den plan zu rufen. das generiert user-kommentare, was wohl wiederum clickzahlen generiert.
klar gerne. der grimmecontent reicht ja anscheinend nicht aus, um diese öh community vor dem untergang zu bewahren. da helfe ich gerne. ist ja für die gute indiesache.
snorej 12.06.2008 | 15:26:39
ich will auch mal indie vip lounge, verdammt. is doch geil champus umsonst und so, versteh garnicht wie man das scheisse finden kann.
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