Aldrei Fór Ég Suður - Island: Ein Fest der Selbstvergewisserung Artikelbild (groß)

Aldrei Fór Ég Suður

Island: Ein Fest der Selbstvergewisserung

26.03.2008, 08:40, Text: arno raffeiner

21. und 22.03.2008, IS-Ísafjörður.

Wer die Platte am Bierkäfig entdeckte, wusste Bescheid: eine Holzplatte, von Hand mit schmalen Buchstaben vollgekrakelt, die sich zu Worten wie Skakkamanage, Steintryggur oder Sprengjuhöllin formten (siehe Foto). Wohlklingende Bandnamen aus dem Line-Up des Aldrei Fór Ég Suður-Festivals in Ísafjörður. Programmhefte oder ein ausgeklügelter Zeitplan waren hier nicht nötig. In der Lagerhalle im Hafen des isländischen Städtchens, in der das Aldrei am Osterwochenende zum inzwischen fünften Mal stattfand, gab es eine einzige Bühne, aus Holzpaletten zusammengebaut und mit bunten Lichterketten dekoriert. In einem zweiten Raum war mit Metallgittern der Bierkäfig mit einer Bar abgegrenzt, die man mit Alkohol in der Hand nicht verlassen durfte: Vorsichtsmaßnahmen für das Publikum zwischen 0 und 18 Jahren. Und an diesen Gittern hing jene Platte, die praktisch alles über den Spirit des Aldrei Fór Ég Suður sagte.


Das Festival in den isländischen Westfjorden, einer der abgelegensten Gegenden Europas, braucht kein Angeber-Line-Up, keine internationalen Stars. Während der globalisierte Festivalzirkus sich immer einheitlicher an ein paar Dutzend Headliner hält, geht das Aldrei in die entgegengesetzte Richtung. Viele der teilnehmenden Bands stammen aus den Westfjorden, der Rest im Normalfall aus der Hauptstadt Reykjavík, außerhalb Islands ist kaum einer der Acts bekannt.

Reykjavík ist auch der Name des Problems. In einer derart kargen, von Wetter und Wirtschaft gebeutelten Region wie den Westfjorden wirkt der urbane Raum im Süden Islands wie ein unwiderstehlicher Magnet in Sachen Arbeit und Kultur, beinahe wie ein Vampir, der den Rest des Landes immer weiter ausbluten lässt. Heute leben etwa 65% der isländischen Bevölkerung im Ballungsgebiet rund um die Hauptstadt. Aldrei Fór Ég Suður richtet sich gegen diesen Zentralismus und präsentiert die Westfjorde selbstbewusst als ein Zentrum der lokalen Kultur und des Tourismus. Der Name des Festivals bedeutet übersetzt nichts Anderes als: "Ich fuhr nie in den Süden". Hier geht es darum, Öffentlichkeit zu schaffen, die Leute aus dem Süden umgekehrt mal in den Nordwesten zu holen - und mit ihnen auch eine Gesandtschaft europäischer JournalistInnen, die das Festival, das Städtchen Ísafjörður und mit ihm die ganze Region auf der internationalen Landkarte von Kultur und Tourismus verzeichnen sollen.


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