Club Transmediale

The Sound Of Futurama

28.01.2008, 11:15, Text: Matthias Schneider, Foto: Matthias Schneider

25.01.08, Berlin, Volksbühne / Maria am Ostbahnhof.
Eröffnungskonzert des Club Transmediale

Fast unbemerkt bahnt sich der inzwischen 80-jährige Pierre Henry vorsichtig seinen Weg durch den großen Saal der Volksbühne Berlin, die Treppen rauf, hin zum Mischpult. Erst als der französische Experimentalmusiker es fast erreicht hat, setzt zunächst verhaltener, dann langsam ansteigender Applaus eines Publikums ein, das vom Durchschnittsalter her eine ganze Generation jünger ist. Pierre Henry ist einer der größten und innovativsten zeitgenössischen Komponisten und doch kennt man sein Konterfei kaum, zu wenig stand er bisher im Rampenlicht der breiten Öffentlichkeit. Erst in den letzten Jahrzehnten erlebt seine Kompositionstechnik und Musik ein Revival, ausgelöst durch Remixe von Fatboy Slim bis hin zu Matt Groenings Verwendung seines berühmtesten Songs 'Psyché Rock' als Titelmelodie für die Serie 'Futurama'.


1949 entwickelte Henry gemeinsam mit Pierre Schaeffer die Musique Concrète. Mit Hilfe von Tonbändern komponierten sie Werke aus alltäglichen Geräuschen, wie Industrie- und Straßenlärm, als auch aus Klängen von Tieren oder Musikinstrumenten und griffen damit das Prinzip des Samplens vorweg. Und bereits 1950 führte Henry seine 'Symphonie Pour Un Homme Seul' einzig mit Mikrofonen, Tonträgern und Lautsprechern auf.

Und so starrt man in Berlin ebenso auf eine skulpturale Anordnung von Lautsprechern, durch die Henry vom Mischpult aus dirigierend, seine Kompositionen jagt. Das Konzert besteht aus zwei Sets zu jeweils 50 Minuten. Henry eröffnet den Abend mit Auszügen aus seiner Komposition 'Dracula', für die er Orchestersamples aus Wagners 'Ring des Nibelungen' mit allerlei profanen Geräuschen kombiniert. Die zum Teil kakophonische Geräuschkulisse imaginiert eine absurde Situation, in der die Eltern Wagner hören, während sich nebenan die Kids Tex-Avery-Cartoons reinziehen. Diese aberwitzige Mischung aus Musik der Hochkultur mit Sounds von Vogelgezwitscher, über Kaminfeuer bis hin zum Knallen von Türen, generiert sowohl vertraute als auch verstörende Assoziationen. Konditionierte Bilder mit denen man die Klänge der Nibelungen als auch die Alltagsgeräusche verbindet überlagern sich und treten in eine neuartige und konkurrierende Konstellation.

Diese besonderen Momente vermisst man jedoch nach der Pause, denn Henry entscheidet sich für eine Retrospektive, die einem Kessel Buntes gleichkommt. Neben wenigen atmosphärisch interessanten und herausragenden Arbeiten, überwiegt eine Anzahl von Tracks die sich ganz bewusst aktuellerer Musiktrends der Clubszene bedient. Spätestens als Fatboy Slims Remix zu hören ist, wird der Gegensatz seiner früheren Arbeiten zu dem simplen und inzwischen stark gealterte Clubsound überdeutlich.


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