
Jan Delay
Bügelfalten statt Baggy-Pants
21.12.2007, 15:30, Text:
Philipp Jedicke
19.12.07, Köln, Palladium
Robbie Williams hat mit seiner Swingnummer und dem dazugehörigen Look damals wirklich was losgetreten: Neben all den Bublés, Ciceros und Gwildissen dieser Welt, die mit ihrem Testosteron-Pop irgendwo zwischen Soul und Swing eine eigene, rasant wachsende Nische beackern, gibt es mittlerweile auch Ex-Hoodie-Träger wie Jan Delay , die sich in Synthetik-Hemd und Bügelfaltenhose wohler fühlen als in Baggy Pants. Eltern, wundert Euch nicht, wenn Eure Kids morgen plötzlich Posaune lernen wollen! Denn Kids pilgerten zuhauf ins Palladium. Die wiederum verschwindend kleine Zahl an Fans jenseits der 25 verwundert, wenn man bedenkt, dass Jan Phillip Eißfeldt seit zehn Jahren zu den etablierten Künstlern der Republik gehört.
Und das genießt er und lebt es aus: In seiner aktuellen Show mit Disko No. 1 kulminieren alle seine Identitäten – der Beginner der späten Neunziger, der Reggae-Polit-Songwriter und der Styler - zu einer gnadenlosen Unterhaltungsmaschine, der man sich nur schwer entziehen kann. Eine Riesenshow, eine tighte Band und ein – ja, die Unwort-Kombi muss raus – begnadeter Entertainer: Jan Delay schuftet als Frontmann, bis er keine trockene Naht mehr am Leib hat. Er wirbelt vor seiner zehnköpfigen Combo rum, haut zwischendurch gar nicht mal so schlecht in die Congas, gibt klar die Kommandos, räumt den drei grandiosen Sängerinnen und den Solisten aber immer wieder den ihnen gebührenden Platz ein.
Die Choreographie ist dabei hallenübergreifend. Das Stopptanzen (''Ihr sollt nicht rumgröhlen, Ihr sollt freezen!''), das Umdrehen auf Kommando, das den-Beat-Mitklatschen. Und immer wieder feuert Animator Eißfeldt das ausverkaufte Palladium an, obwohl er selbst sichtbar erschöpft ist und einfach sein muss. Aber es wird abgeliefert, big time, die Hand ständig am Schritt.
Was die Musik angeht, wird nach HipHop-Manier gesamplet, was der Funk-Almanach hergibt. Aber live. Dabei wird der Bastard-Pop auf die nächsthöhere Ebene gewuchtet und übers Cover gecovert. Einmal ist 'Push It' von Salt’n’Pepa der Track im Track, dazu gibt’s aber die Lyrics von 'You Really Got Me' von den Kinks.
Aber noch bevor man sich fragen kann, ob das Ganze nicht einfach eine Art Cover-Gig auf hohem Niveau ist, kriegt Eißfeldt die Kurve und bedient die Hardcore-Fans. Bei 'Kartoffel', 'Vergiftet' und 'Plastik' wird zwar jedes Wort mitgesungen, doch in der Rückschau gehen die relativ nah am Original gehaltenen eigenen Songs fast etwas unter in dem ganzen postmodernen Referenz-Geschwurbel. Das wäre dann wohl der einzige Nachteil in Eißfeldts Konzept der Über-Show. „Die Höhner haben meinen Posaunisten entführt! Sie haben Experimente mit ihm gemacht um rauszukriegen, warum er so rockt.“ Es wird auch nach wie vor ausgeteilt, aber harmlos. Entweder wurde Eißfeldt im Vorfeld vor dem schwierigen Kölner Publikum gewarnt oder der Biss seiner frühen Tage ist einer milden Satire gewichen. Für Letzteres spricht, dass nur ein paar kleine Seitenhiebe auf die Live-Übertragung im Internet und auf Kosten kölscher Schnurrbartträger und das Quiz-Taxi kommen. Das war’s auch schon mit dem Bashing. Ansonsten fragt er ständig nach, ob’s denn gefällt und wirkt dabei seltsamerweise sogar ein bisschen unsicher.
Wenn Eißfeldt die deutsche Madonna werden will, muss man sich fragen, wie er seine laufende Revue in Zukunft toppen will. Überraschen könnte er jetzt vermutlich nur noch mit einer Clubtour mit Akustikgitarre.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
NEUE TOURNEEN
- alles Neue

