Bavarian Open Festival

Scout Niblett, Holy Fuck u.v.a. live

04.12.2007, 15:00, Text: Christoph Dorner, Foto: Christoph Dorner

München, Funkhaus, 01.12.07

Tennis? Golf vielleicht? Mitnichten. Die Bavarian Open sind ein Musik-Festival wie kein zweites in Deutschland. Nicht nur, dass der ehrwürdige Bayerische Rundfunk in München für die 20 Bands seine noblen, holzgetäfelten Studios zur Verfügung stellt, wo sonst gesittete Klassikaufnahmen stattfinden. Auch das Line-Up der Zündfunk-Macher war mehr als pfundig, würde der Bayer sagen: Scout Niblett, Tied & Tickled Trio, das letzte reguläre Konzert der Kinderzimmer Productions. Kein Wunder also, dass die Tickets für die Bavarian Open auch bei der fünften Auflage seit Wochen restlos ausverkauft waren.




Vielleicht auch, weil mit Holy Fuck und Band Of Horses mal eben zwei Indie-Senkrechtstarter aus Übersee zu ihren ersten Deutschland-Konzerten eingeflogen wurden. Ob dafür Rundfunkgebühren verbraten wurden, sei einmal dahingestellt. Denn wirklich einmalig ist der Gesamtansatz der Bavarian Open als Cross-Media-Projekt und Plattform für den musikalischen Nachwuchs. Die Konzerte wurden live gestreamt, seit Sonntag kann man Mitschnitte jedes Acts hier downloaden. Und selbst der Bon Jovi-Sender Bayern 3 berichtete nachts zwei Stunden.

Eine feine Sache also, auch aus der Retrospektive: Wöchentlich hatte Moderator Achim Bogdan in der Rubrik \\\\\\\\\\\"Montagsdemo\\\\\\\\\\\" im Zündfunk Nachwuchsbands vorgestellt und Juror Thees Uhlmann seinen Senf dazu geben lassen. Die Gewinnerband, Sir Simon Battle, durfte den Abend im Funkhaus mit adoleszentem Indie-Pop eröffnen. Schöne Songs, aber auch ein ganz schön nervöser Sänger, dieser Simon Frontzek. In Studio 2 folgte mit Scott Matthew die erste Entdeckung der Zündfunk-Redaktion. Der vollbärtige Solist aus New York wurde nur von Cello und Klavier begleitet und schmachtete sich in der Tradition von Anthony & The Johnsons und Rufus Wainwright durch ein kurzweiliges Set. Sein erstes Album soll im März 2008 erscheinen. Danach rüber ins Studio 3, wo sich in erster Linie aufstrebende Nachwuchsbands verdingten. So auch Yucca aus der fränkischen Post-Punk-Schmiede Hersbruck, deren Dance-Punk bei allem Druck dahinter doch etwas zu sehr nach Schema F klang. Keine Frage, dieses Genre hat sich lange genug kopiert und ist wieder auf dem absteigenden Ast. Zu den ersten Abräumern des Abends wurden im Anschluss The Felice Brothers, ein Bande New Yorker Goldschürfer auf der Suche nach dem Dylan-Sound der 60er und 70er Jahre. War ja klar, dass \\\\\\\\\\\"volkstümliches\\\\\\\\\\\" Songwritergut gepaart mit Gottesfürchtigkeit in Bayern im Advent gut ankommt. Ihre theatralische \\\\\\\\\\\"Show me mercy\\\\\\\\\\\"-Nummer sicherte den Felice-Brüdern jedenfalls den höchsten Merchandise-Absatz.

Im großen Sendestudio 1 wirbelte unterdessen Becky Ninkovic von You Say Party! We Say Die! (Foto) in rotem Schlabberkleid und Glitzerumhang über die Bühne. Die Kanadier haben zweifelsohne gute Songs und noch bessere Vorbilder. In einem verschwitzten Club ist ihr halbstarker Riot-Pop trotz Blickfang dann doch besser aufgehoben. Deshalb schnell weiter zu Kritikerliebling Scout Niblett, die man in Nürnberg einst vor 9 Leuten spielen sehen konnte. Heute hat sich ihre Zuschauerzahl fast verhundertfacht, trotzdem gibt sich die britische Grunge-Sirene unprätentiös. Nicht in der Bühnenmitte, sondern am linken Rand platziert sich Niblett als Ich-AG und rotzt in erster Linie alte Bretter wie 'How To Death' oder 'Lullaby For Scout In 10 Years' ins Mikrofon. Zwischendurch vergisst sie Textzeilen, bricht einen Song, bei dem sie selbst Schlagzeug spielt, wieder ab und führt Small-Talk mit dem Publikum. Bei aller Zerstreuung - die Urgewalt und Fragilität ihr Musik sind beim Publikum durchaus angekommen.

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