
Harmonia live
Das Rauschen ist weg!
28.11.2007, 20:10, Text:
arno raffeiner
27.11.07 Berlin, Haus der Kulturen der Welt
Popweisheit # 101: Weiter nach vorne geht's immer nur mit einem genauen Blick in den Rückspiegel. Diese Erkenntins bestätigte einmal mehr das neue Festival Worldtronics im Berliner Haus der Kulturen der Welt, bei dem in Zukunft elektronische Musik jenseits der üblichen euro-anglo-amerikanischen Schauplätze präsentiert werden soll - oder auch jenseits der Zeit. Denn der Eröffnungsabend des Festivals war als Geschichtsstunde angelegt: Das deutsche Trio Harmonia, das in den 70er Jahren Krautrockhistorie geschrieben hatte, war zum ersten Mal nach über 30 Jahren wieder für ein Konzert vereint.
Bei einer Podiumsdiskussion über das Gestern und Heute elektronischer Musik, mit der die erste Auflage von Worldtronics noch vor dem Festakt mit Harmonia quasi inoffiziell eröffnet wurde, war kurz zuvor eine Frage aus dem Publikum merkwürdig im Leeren verpufft. Wie es sich denn heute mit dem sozialen Kontext verhalte, wo die alten Träume, die Utopien hin seien, fragte ein Langhaariger aus der ersten Reihe. Manuel Göttsching, Henrik Schwarz und Dr. Motte auf dem Podium hatten dazu nichts zu sagen und räsonierten lieber über die Profitabilität elektronischen Musikmachens. Wenn man wenig später das große Auditorium im Herzen des HKW betritt, fragt man sich tatsächlich, wo hier der soziale Kontext abgeblieben ist. Kein Rumsitzen im Schneidersitz? Kein Marihuananebel? Tatsächlich wird \\\\"Ist hier noch frei?\\\\" schnell zur wichtigsten Frage im edel bestuhlten Konzertsaal, denn Harmonias Gefolgschaft ist zwar nicht in alter Tracht, dafür aber zahlreich gekommen. Als Festivalkurator Detlef Diederichsen das Wort ergreift, um auf den historischen Anlass einzustimmen, und dafür aus dem Saal mit nettem Applaus belohnt wird, ist die Preisverleihungsatmosphäre endlich perfekt. Die Bierflaschen mussten sowieso schon draußen vor dem Saal abgestellt werden.
Wo Michael Rother, Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius vor über 30 Jahren noch jedes freie Fleckchen Bühne mit ihren Apparaturen zugestellt hätten, da thronen an diesem Abend bloß drei große Tische mit etwas elektronischem Kleinkram. Ein ziemlich kahles Bild. Übersichtlich, nüchtern geradezu. So bemerkt man selbst die Handtücher, die für die drei Herren bereitgelegt wurden, die diese aber später, bequem an ihre Barhocker gelehnt, bestimmt nicht brauchen werden. Zumindest eines gilt heute so wie damals: Schwitzen ist im Kontext von Krautrock nicht vorgesehen.
Harmonia wären die Popmusik der Zukunft gewesen, hatte Diederichsen in seinen einleitenden Worten Brian Eno zitiert. Wir wissen mittlerweile, dass der Mann nicht recht behielt. Trotzdem: Mit dem ersten Harmonia-Konzert seit Jahrzehnten solle nun, mit einiger Verspätung, endlich die Zukunft beginnen. Bitte, gerne. Rother, Roedelius und Moebius machen zuallererst klar, dass sie nicht daran denken, eine bloße Nostalgieshow abzuliefern. Die ersten, unwahrscheinlich verhalten in den Raum geschickten Takte verklingen schon nach wenigen Sekunden wieder. Und in der folgenden, extremen Stille ist es glasklar zu hören: Das Rauschen ist weg!
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