
CMJ 2007
Teil 2: Von A-Trak bis Xiu Xiu
19.10.2007, 21:00, Text:
Felix Scharlau
Fotostrecke:CMJ 2007 - zweiter Tag
Zu Beginn des zweiten Tages beim New Yorker CMJ (siehe hier Tag 1 unserer Nachlese) stehen Jetlag und eine Wallfahrt auf dem Programm: Das altehrwürdige CBGB ist bekanntlich Vergangenheit, sein ehemaliger Betreiber Hilly Kristal seit Kurzem tot und die New Yorker trauern weiterhin über den Verlust des Clubs in der Bowery (siehe Foto).
Nur ein Katzensprung ist es von dort zurück zu den Lebenden. Man ist sogar geneigt zu sagen: der Zukunft des Rock. Zumindest altersmäßig. Denn die Bands, die die Kollegen des amerikanischen Fader-Magazins in den kommenden Tagen bereits ab kurz vor 16 Uhr in einer Art Loft spielen lassen, kennen ein Leben über 30 zum Großteil nur aus dem Fernsehen. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung der akkreditierten Journalisten, Labelbetreiber und Booker, die sich hier die Klinke in die Hand geben.
Getuschelt wird so schon über die vermeintlich genialen HEALTH, bevor das Trio auch nur einen Ton von sich gegeben hat. Verdient hat sich die Band die Aufmerksamkeit: Math-Rock voller Energie und Knalleffekten, aber gerade dadurch irgendwie auch beliebig und gefühlte zehn Jahre zu spät. Weniger Aufregung gab es danach um MGMT (eigentlich Management, aber – man ahnt es – der Name war schon vergeben). Weniger Aufregung schlicht deshalb, weil die Band mit Columbia, bei denen demnächst das Debüt der zugezogenen Brooklyner erscheinen wird, schon vergeben ist. Nicht zu Unrecht: Eine beeindruckende Mischung aus Shoegazer-90er-Romantik, Noise und Pop. Sicherlich eine potenzielle Upcoming-Band 2008, demnächst mehr in Intro Print. The Deadly Syndrome wünschen sich jene Zuschreibung sicher auch. Und wer ein bisschen die Ohren zusammenkneift, hört in ihnen vielleicht auch so etwas wie die nächsten Cold War Kids. Schön.
Der Abend begann mit Xiu Xiu deutlich ruhiger – zumindest phasenweise. Denn der entrückte Vibrato-Indie-Rock des Trios pervertiert bekanntlich regelmäßig das tradierte Langeweile-Laut-Leise-Gefüge einer klassischen Rock-Band. Sprich: Es wird immer dann besonders laut, wenn man gerade nicht damit rechnet. Damit waren sie im Blender Theater auch bestens aufgehoben: Punk-Kunstmusik - nicht erst seit Schorsch Kamerun mehr als bühnentauglich. A-Trak. Fünf Buchstaben und des Genialischen neuer Name. Zumindest nach Ansicht des durchschnittlichen New Yorker Musikfans. Der Produzent des aktuellen Kanye-West-Albums gilt als der heiße Scheiß der Stunde. So gut wie erwiesen ist immerhin, dass er der neureichste Scheiß der Stunde sein dürfte. Kein Wunder, dass die Party seines Labels Fool’s Gold mehr als gut besucht ist. Schwarz und Weiß, Dick und Dünn, Schön und Hässlich, Indie-Head und HipHop-Fan – ein New-Yorker -Gesellschaftsquerschnitt wartet wie auf Bestellug darauf, dass das 25-jährige Wunderkind ohne Violine, aber mit Entourage die Bühne betritt. Und das macht es gleich mehrfach, jedes Mal mit einem neuem musikalischen Gast seines Labels. Eine rechte Stimmung kommt trotzdem nicht auf, auch wenn sich die Mehrheit im Hiro Ballroom des Maritime Hotels sichtlich Mühe gibt, den Abend schöner zu klatschen als er ist. Denn bis DJ Mehdi ist es ein langer Weg. Vorbei an den irgendwie doch ziemlich uncoolen CoolKids und leider auch vorbei an der HipHop-Hoffung Kid Sister, die A-Trak trotz nicht vorhandener Skills sogar als Background-MC unterstützt. Was würden wir jetzt für eine Show von M.I.A. oder Lady Sovereign geben!
Wir gehen, und die ein oder andere Träne fällt im Dunkel der Nacht unbemerkt auf den porösen New Yorker Asphalt.
.: www.cmj.com/marathon :.
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