Amiina live

Nivea Soft, ohne Wumms

19.10.2007, 17:00, Text: Mick Schulz

18.10.2007 Köln, Gebäude 9

Was zunächst auffällt, ist die höfliche Andacht, mit der das Publikum wartet. Es stehen nicht sehr viele Leute vor der Bühne im Gebäude 9, diejenigen aber sind mucksmäuschenstill. Ganz ähnlich, so hört man, stehen hinter dem Vorhang die vier Frauen von Amiina und trauen sich nicht so recht. Während also alles ein wenig in der Luft hängt, läuft ein Kaminfeuersample als beruhigendes Hintergrundelement und in der Andacht dämmert die nächste Erkenntnis, was dieses Publikum vom gewöhnlichen unterscheidet. Alle scheinen gerade frisch aus der Dusche zu kommen, überall riecht man Seife und Sauberkeit.


Noch ehe man zu einem Schluss kommt, was es damit wohl auf sich hat, kommen Amiina auf die Bühne. Zwei der Damen sind in Schwarz, zwei in Grün, kurz werden nochmal E-Geige und -Cello durchgestimmt und dann geht es auch schon ohne viel Federlesens los. Von nun an wird man überschwemmt von süßen Melodien, die Amiina meist in Zweierkonstellationen ineinandergreifend spielen. Fröhlich werden Instrumente getauscht, geloopt und wieder getauscht, es vergeht kaum mal ein Song, bei dem alle am Ende noch da stehen, wo sie angefangen haben.

Dabei kommen so wilde Kombinationen wie ein Harfen- und Mandolinenduett zustande oder ein vierhändig ineinandergreifendes Stück an einer Art Glöckchenklavier. Spannende Klangfarben eigentlich, in die aber leider immer wieder die selbe Art Melodie gepackt werden. Kurzfristig kommt es einem vor, als hätten die vier Amiinas einfach isländische Volkslieder uminstrumentiert und würden das jetzt für ihre eigene Erfindung verkaufen. Die saccharinsüßen Melodien werden zudem zusammengefügt zu Stücken, die nur selten eine Dramaturgie erkennen lassen. Stattdessen ziehen die Amiinas es vor, die Melodien einfach kreiselnd ins Nichts laufen zu lassen. Schade, manchmal fehlt da einfach ein bisschen Wumms, oder der Mut mal eine Überraschung einzubauen. Oder der Wille.

Ganz selten grooven sie mal, etwa bei besagtem Stück mit dem merkwürdigen Glöckcheninstrument oder wenn ihr Schlagzeuger mal einsetzt und dem Ganzen auch mal einen Bassbereich gibt. Sonst nämlich hört man nur selten Töne diesseits der 440Hz. Und nach dem Konzert reift dann die Erkenntnis über die Verbindung zwischen Publikum und Performance. Genauso sauber, unverschwitzt und nach Nivea Soft riechend wie das Publikum ist auch die Performance von Amiina. Island, Elfen, ätherische Musik, all das kann man gut finden. Trotzdem empfehle ich eine ausgedehnte Kur in einem urbanen Zentrum, je dreckiger der verpunkte Moloch, desto besser.



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