Menomena live

Verweigern mit Lust

06.10.2007, 10:00, Text: Christian Steinbrink
[3 Kommentare]

04.10.07, Köln, Stadtgarten

Der Donnerstagabend bot dem an Pop interessierten Kölner seit langer Zeit mal wieder die Möglichkeit, seine Stadt als veritable Weltstadt zu empfinden. So viele Konzerte namhafter Bands, und das auch noch gleichzeitig! Angefangen bei Hobotalk über Art Brut, Tied&Tickled Trio, Erdmöbel und die Gorilla Biscuits bis hin zu dieser Band namens Killswitch Engage, die mir vollkommen unbekannt ist, die aber das Palladium, die zweitgrößte Indoor-Konzertlocation der Stadt, zu füllen vermochte. Und auch wenn man mit einem Besuch dort sicher eine gravierende Wissenslücke hätte füllen können, entschieden sich immerhin 40 Leute für den Gang in den Stadtgarten. Dorthin, wo Menomena, die Indieverblüffung des Jahres, ihr erstes Köln Concert gaben.


Sicherlich hätten auch mehr Leute kommen können, aber angesichts der überlebensgroßen Konkurrenz geben sich Menomena offensichtlich mit der Anzahl der Anwesenden zufrieden, als sie pünktlich um 21 Uhr die Bühne des Stadtgartens betreten. Auch, weil das Konzert auf der Homepage des Venues ausschließlich mit dem knackigen Schlagwort \"Punk/Funk\" angekündigt wurde. Erwartungsgemäß ist sowohl Sound als auch Ambiente hier deutlich amtlicher als anlässlich ihres Deutschland-Debüts im verhuschten Dortmunder FZW von drei Monaten.

Diesen Aufwind und die erwartungsvolle Stimmung der Besucher kann die Band aber nicht nutzen, wie schon in Dortmund geht erst einmal etwas zu Bruch, dieses Mal das Holzblättchen am Mundstück des Basssaxophons von Mittelmann Justin Harris. Dieses Missgeschick hält Menomena aber nur kurz auf. Spätestens als sie bald darauf mit 'Wet And Rusty' zum Hit ihrer aktuellen Platte 'Friend And Foe' ansetzen, sind sie wieder ganz in ihrem Element. Und verbreiten allseits begeistertes Erstaunen. Denn es ist nicht nur der Umstand bemerkenswert, dass schon lange kein Trio mehr so voll klang, nein, auch die außerordentlichen Strukturen und Dynamiken ihrer Stücke lassen die Leute vor der Bühne schnell zwischen Euphorie und Verblüffung hin- und herschwenken. Im Prinzip hat immer noch das Geltung, was in meiner Konzertkritik zum Juli-Konzert stand.

Die Band, dieses Mal auch mit einem Gutteil an neuen Stücken (oder ganz alten, ich kenne die ersten Platten nicht) im Set, gefällt sich darin, Spannungsbögen ohne Vorwarnung abzusägen und mit ganz neuen Passagen zu beginnen, sie nimmt die Vertracktheit von Primus, paart sie mit den brüchigen (Saxophon-)Harmonien von Morphine und anderen und ist dabei so zwingend wie verwirrend. Menomena haben schon wieder ihre Stücke umarrangiert, und zwar so sehr, dass man fast schon an Improvisation glauben könnte, und kalkulieren kleine Fehler und Halbheiten in den Fluss ihrer Stücke ein. Sie haben zwar von Gitarre über Bass, Keyboards und Saxophon bis hin zu Glockenspiel alles dabei, kombinieren all diese Instrumente aber so divers und mit unterschiedlicher Gewichtung, dass sich Harris sogar mal in die Verlegenheit manövriert, die tragende Melodie auf dem Bass spielen zu müssen. Gerade den vom Arbeitstag ermüdeten Zuschauern wäre es lieb gewesen, wenn Menomena mal eine Hookline ausgehalten und einen konventionellen Popsong hingelegt hätten, sie hätten es ohne Zweifel gekonnt und es wäre, nimmt man nur 'Wet & Rusty' als angenähertes Beispiel, großartig gewesen. Aber diesen Gefallen tut die Band aus Portland niemandem. Und schafft damit einen Sound, der dieses Jahr zumindest im Popkontext so unerhört ist wie nichts anderes.

Wie schon in Dortmund endet das Konzert schon nach einer guten Stunde und zwei Zugaben, und die Gewalt und Komplexität dieser Musik lässt trotz der relativ kurzen Spielzeit keine Wünsche offen, das Publikum wirkt geradezu ermattet vom dargebotenen Furor. Und es wäre doch gelacht, wenn diese Band beim nächsten Konzert nicht eine viel größere Zuhörerschaft vor sich stehen hat. Denn es kann als sicher gelten, dass diese Musik noch viele Leute mehr begeistern wird.



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  • User: kevinthebacon
  • kevinthebacon 12.10.2007 | 01:53:36

    Selten hat jemand sein Unwissen so stolz vor sich her getragen...Killswitch Engage muss man nicht gut finden und sollte man in bestimmten Kreisen auch nicht, aber cooler wird man bestimmt nicht dadurch, dass man den Namen noch nie gehört hat. Das gleiche bei der Aussage "Ich kenne die alten Alben nicht" - dann am besten gar nicht drüber spekulieren. Der Song heißt übrigens "Wet and Rusting".

  • User: Christian Steinbrink
  • Christian Steinbrink 12.10.2007 | 03:36:00
    Die guten Militanten
    ich soll also nicht schreiben, dass ich etwas nicht weiß? wegen zur schau gestellter pseudo-coolness? nein, ich dachte, dass mich das vielleicht etwas sympathischer wirken lassen könnte, menschlicher und so, nicht immer nur naseweise klugscheißerei, nicht ganz so der blasse nerd-typ. hat also auch nicht geklappt. langsam weiß ich nicht mehr weiter.

    aber die rusty/-ing-unklarheit teile ich mir mit allmusic und anderen. da bin ich ja wenigstens in guter gesellschaft.

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