
Festival Portugiesischer Kunst
Und immer singen alle
05.10.2007, 17:00, Text:
Mick Schulz
Der bleibende Eindruck ist der einer sehr privaten Veranstaltung. Im Gegensatz zu hochglänzenden Produktionen vermitteln alle diese Filme das Gefühl, ganz nah dran zu sein. Nah an den porträtierten Personen, an ihrem Schweigen, ihrer Opferbereitschaft oder ihrer Musik. Ein weiterer Aspekt, der auffällt an diesen portugiesischen Filmen: in so gut wie jedem Film spielt die Musik eine herausragend wichtige Rolle, meist singen die Protagonisten. Schon beim Auftakt des VI. Internationalen Festivals Portugiesischer Kunst Und Kultur am ersten Abend, dem ersten portugiesischen Tonfilm 'A Canção De Lisboa', wird dauernd gesungen. Wo in dem Film selber keine Musik vorkommt, wird diese durch Livemusiker ergänzt, während ein VJ das Bild remixt. Manchmal wünscht man sich den Klassiker zwar in Reinform, trotzdem ein interessanter Ansatz, diese Livebearbeitung.
In dem Dokumentarfilm 'Lisboners' über das Privatleben der zugewanderten Osteuropäer in Lissabon dürfen natürlich auch die Gesänge der russischen Straßenfeger nicht fehlen. Darüber hinaus wird man Zeuge zweier erstaunlich chauvinistischer Gottesdienste, der langen Preisverhandlungen auf dem Arbeitsstrich Campo Grande, wo morgens die Bauherren billige Schwarzarbeiter mit dem Auto holen und schließlich des Spotts der russischen Mütter (die meist Lehrerinnen sind) über das portugiesische Schulsystem. Nur warum diese Leute aus ihren bettelarmen Ländern in ein Land mit kaum größeren Zukunftspespektiven übersiedeln, diese Antwort bleibt der Film leider schuldig. Statt dessen werden rührende Geschichten erzählt und die Immigranten als Menschen gezeigt. In einem Land mit dermaßen viel latentem Rassismus ist das vielleicht auch das wichtigere Vorhaben.
Einen Ansatz des Dokumentarfilms als eigene Kunstform jenseits des reinen Informationsfilms hat 'Movimentos Perpétuos', ein Film über Carlos Paredes. Paredes ist der Meister der Portugiesischen Gitarre, als Vituose und wichtigster portugiesischer Komponist ist er jedem Portugiesen ein Begriff. Vermutlich liegt es daran, dass alle grundsätzlichen Informationen über sein Leben vorausgesetzt werden und der in 17 Kapitel unterteilte Film sein Augenmerk auf weithin unbekannte Details lenkt. Die Bilder dienen dabei eher der assoziativen Illustration der O-Töne und vor allem der umwerfenden Musik. Besonders gelungen ist die Nutzung der Super8-Kamera, was in Verbindung mit der Wahl der Motive in der alten Stadt Lissabon ein bewegendes Monument der Zeitlosigkeit Lissabons und Carlos Paredes' erschafft.
Der Ephigenien-Adaption 'Noite Escura' konnte man leider gelegentlich Finanzierungsschwierigkeiten ansehen. Der Regiesseur João Canijo bemüht sich um Bilder von klassischer Schönheit, trotz der an Dogma erinnernden Produktionsverhältnisse. Das wirkt meist inkonsequent, schadet der starken Geschichte und rückt das grandiose Ensemble manchmal in ein falsches Licht. Trotzdem ein sehenswerter, bewegender Film über das bereitwillige Opfer der eigenen Tochter.
Der Dokumentarfilm 'Onze Burros Caem No Estômago Vazio' hingegen schafft mit digitaler Handkamera und bewußten Brüchen mit cinematografischen Regeln einen perfekten Rahmen für die Stars: alte Bäuerinnen, die von ihren Eseln erzählen, beim Spinnen oder Stricken mit zittriger Stimme mehrstimmig Volkslieder singen und zu guter Letzt einen reichen Fundus zotiger Witze auspacken. Süß, wie sich alle kaputtlachen, sobald einmal das Wort \"caralho\" (Schwanz) im Reim anklingt. Da passt es irgendwie zur Unbekümmertheit, dass die Witzerzählerin aus dem Auto heraus gefilmt wird. Mit im Bild der ebenfalls lachende Regisseur auf dem Beifahrersitz.
Am überzeugendsten und eigenständigsten waren die Animationsfilme, besonders die beiden von Regina Pessoa und der von Abi Feijó. Was umso mehr verwundert, da es in Portugal überhaupt kein Geld für Animationsfilme gibt, wenn es sich nicht gerade um eine Werbekampagne handelt. So wurden diese Filme auch meist von der kanadischen NFB unterstützt. Die sind international führend in der Finanzierung von animierten Autorenfilmen, und das sieht man auch.
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