Kevin Devine live

Barde aus Berufung

29.09.2007, 11:35, Text: Julia Gudzent

27.09.07, Berlin, Hans Wurst.

Da denken die Leute, Bright-Eyes-Mastermind Conor Oberst wäre unangepasst, rebellisch und würde die schönsten Protest-Songs schreiben. Doch weit gefehlt! Leider ist Herr Oberst erwachsen und seiner Wut müde geworden, statt zu schreien und zu zetern singt er auf seinem letzten Album 'Cassadaga' nur noch kryptisch über Babylon und langweilt einen mit seinem Geheul halb zu Tode. Zum Glück gibt es andere Singer-Songwriter, die noch Wut im Bauch haben – wie zum Beispiel der New Yorker Kevin Devine.


Seit fast eineinhalb Jahren tourt der Barde ununterbrochen durch die Weltgeschichte, ohne des Lebens on the road müde zu werden. Und statt sich an dem einen Off-Day seiner derzeitigen Europa-Tour einen faulen Lenz zu machen und alle Viere von sich zu strecken, heizt er im Auto lieber von Offenbach zurück nach Berlin, um eine kostenlose Show zu spielen. So viel Engagement und Leidenschaft für seinen Beruf muss man erst einmal an den Tag legen. Und da der Berliner an sich Mitte zwanzig ja im Normalfall immer pleite ist, bleibt der Ansturm auf die kostenlose Show natürlich nicht aus. Kurz nach acht ist der Laden voll, kurz nach neun gehen die Sitzgelegenheiten aus, einige Minuten später kann man kaum noch einen Stehplatz finden.

Dann schnallt sich Devine die Akustik-Gitarre um. Schon der erste Ton sitzt: Knallhart schlägt der Rotschopf seine Gitarre an wie ein Maschinengewehr – bam-bam-bam. Im ersten Moment ist man etwas überrascht: Devine sieht mit seinem Seitenscheitel, dem Holzfällerhemd und den Sommersprossen auf der Nase zu brav aus, um ihm angriffslustige Anti-Propaganda wie aus 'The Burning City Smoking' zuzutrauen: \\\"Forty million refugees with no place on this earth to call there home/One for every aimless graduate with nothing else to show for it but loans/And those of us who make our mark use someone else's blood/Our western stain won't wash away, it won't vanish in the flood/It seeps deeper through each hurricane and tidal wave and war/We want everything we see and once it's gone we just want more”. Mit Halbherzigkeiten hält sich der Mann mit dem Jungspundgesicht nicht auf. Mit der Maschinengewehrgitarre bewaffnet zetert er inmitten der gemütlichen Kaffee-und-Kuchen-Atmosphäre gegen das Unrecht in der Welt. Gnadenlos spuckt er einem seine Wut vor die Füße, faucht, zischt und brüllt manisch. Er hetzt in einer Rede gegen die U.S.-Regierung, klagt von der Bühne herunter an und lässt sich selbst nicht außen vor. Und all diese Leidenschaft und Wut tarnt er schön in unverdächtig-amerikanischen, aber hart angeschlagenen Country- und Americana-Melodien.

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