Gorilla Biscuits live

Rebirth of Hardcore Pride

11.09.2007, 17:00, Text: Julia Gudzent
[14 Kommentare]

10.09.2007, Berlin, SO36

\\\"Ahhhh!\\\", schreit mein ehemaliger Mitbewohner. \\\"Es ist ausverkauft! Was mache ich jetzt bloß?\\\" Ich weiß auch nicht so recht. Scheiße gelaufen, sage ich da mal. Fünf Minuten später gibt es glücklicherweise dann doch noch einige Restkarten an der Abendkasse. Todesmutig kämpft er sich durch den Punker-Mob vor dem SO36, um eines der letzten Tickets zum Konzert seiner Hardcore-Götter zu ergattern.

Zehn Minuten später geht drinnen der Ringkampf weiter, es wird gequestscht, gedrückt und gestoßen. Man ist umzingelt von einer Armada frisch rasierter Schädel, die stolz die Klassiker unter den Hardcore-Shirts zur Schau tragen:\\\"True till Death\\\" heißt es da auf stolzgeschwellter Brust, oder auch \\\"True-School Hardcore\\\".

Der Merchandise-Tisch, an dem man sich auf dem Weg nach vorne vorbeischieben lassen muss, bietet eine Auffrischung gerade eben dieser Klassiker an. Von so ziemlich jedem Shirt grinst breit der Gorilla der Biscuits herunter. Für die vereinzelten Besucher aus Berlin Mitte, die sich heute ins SO36 verirrt haben, gibt es sogar eine limited Edition von Paul Frank.


Im vorderen Teil des Raums bringen wir uns am Rand in Position, schließlich wollen wir was sehen, ohne allerdings zermosht zu werden. Hinter uns steht ein Pärchen, das gibt uns Sicherheit – Verliebte moshen selten. Allerdings macht uns der Typ mit der Gesichtstätowierung direkt vor uns etwas Angst. Die auf zahlreiche Hände gemalten Xe als lachhaftes und inzwischen auch sinnbefreites Überbleibsel einer längst vergangenen Ära irritieren uns hingegen eher.

Dann gehen die Lichter im Saal aus. Es folgt ein seltsam unpassendes Elektro-Intro. Für den Bruchteil einer Sekunde ist man enttäuscht, schließlich gibt es bei den Gorilla Biscuits nur ein einziges Intro! Hier will man keine Kreativität, nichts Neues, hier will man einzig und allein die gute, altbekannte Fanfare. Doch dann tatsächlich! Nach dem Elektro-Part setzt endlich das richtige Intro ein, und somit auch der \\\"Rebirth Of Hardcore Pride\\\" aus \\\"New Direction\\\". Die Zeigefinger schnellen angestrengt in die Höhe, ein Stagediver jagt den nächsten, Sänger Civ rennt auf der Bühne auf und ab und schreit das Publikum vom Bühnenrand aus direkt an. Auch er hält mit kahl rasiertem Schädel, voll tätowierten Armen und Klassiker-T-Shirt (das von den Bad Brains, auf dem ein gelber Blitz ins Capitol einschlägt) gerne das äußere Klischee des harten Hardcore-Machos aufrecht. Der Rest der Band sieht relativ bürgerlich aus, Gitarrist Walter Schreifels hat mit seinen halblangen Haaren inzwischen sogar hippie’esque Züge angenommen. Doch nichtsdestotrotz rotzen die Gorilla Biscuits schön Youth-Crew-mäßig ihre Songs herunter, als wäre es 1989. Und den Mackern gefällt es. Es wird gemosht, geschubst, gepogt. Gleich zu Beginn werden wir noch weiter an den Rand gemosht und auch das Pärchen hinter uns hat keine Gnade: Die Frau boxt permanent gegen meine Wirbelsäule. Aber was soll’s – das hatte man ja nicht nur erwartet, das muss so sein, also: Zeigefinger ausgepackt, zurückgeschubst, mitgegrölt! Die Jugend, die man aufgrund des Stigmas der späten Geburt niemals hatte, wird erstmals live und in Farbe aufgerollt und man wird mitgerissen von einer nostalgischen Welle der Euphorie. Kein Schnickschnack, keine Spielereien, hier geht’s straight zur Sache.

Irgendwann bekommt mein Ex-Mitbewohner dann einen Ellebogen ins Gesicht gerammt. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir beschließen, inzwischen doch zu alt für’s Pit zu sein. Also drängeln wir alternden Post-Hardcore-Kiddies uns dann doch wieder nach hinten durch und stellen uns in den etwas lichteren Mob der bürgerlich gewordenen Ex-Macker, die inzwischen alle wie die Beatsteaks oder Tomte aussehen und Freundinnen haben, die Heike Makatsch extrem ähneln. Hier hinten wird der Ausdruckstanz von vorne auf einen gelegentlich gereckten Zeigefinger und lauthals Mitsingen reduziert. Doch gefreut wird sich genauso: Nachdem der letzte Ballerton verklungen ist, schreit mir von rechts hinten ein spießig aussehender Mittdreißiger wiederholt ins Ohr: \\\"Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht!!!!\\\"

Und auf dem Weg nach draußen ist mein Ex-Mitbewohner fast ein bisschen stolz auf das Veilchen, das sich langsam unter seinem rechten Auge abzeichnet. Er plustert sich auf und erzählt jedem, an dem wir uns wieder vorbei nach draußen drängeln müssen, die Geschichte, wie er eben am Rand vom Pit beinahe zermosht worden ist.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: Gina_Only
  • Gina_Only 11.09.2007 | 23:06:30

    sehr schrecklicher artikel! trotzdem würde ich gerne mehr lesen... war denn keiner dort?
    irgendwie komm ich mit der sache nicht zurecht.

  • User: Torben2002
  • Torben2002 12.09.2007 | 00:00:32

    ach was, ich mag diesen gonzo style. weiter so

  • User: LucTonnerre
  • LucTonnerre 13.09.2007 | 00:14:34

    ist der bericht in der intro oder in der NEON gewesen?

  • IndieScout 13.09.2007 | 01:44:39
    Antipode
    tough guys!

  • User: LucTonnerre
  • LucTonnerre 13.09.2007 | 11:37:46

    ferris, ohne dabei gewesen zu sein glaube ich dir jedes wort.
    muss genauso im ruhrpott letzte woche gewesen sein.
    bei allen vorbands war es gähnend leer, als GB spielten platzte der raum aus allen nähten.

  • User: Gina_Only
  • Gina_Only 13.09.2007 | 14:03:42

    doch schade, dass ich nicht dabei war!

  • sushieigenheim 02.10.2007 | 13:11:17

    uaaaaah, das liest sich wie bravo für über 18jährige, also fast wie der musik express. schon mal für ein praktikum angefragt?

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]