
Scout Niblett live
Armageddon Poetry
05.06.2007, 11:30, Text:
Alexander Dahas
03.06.07, Berlin, Cafe Zapata.
Album, Tour, Album etc. So richtig glamourös ist das Rockstardasein heute echt nicht mehr. Und Geld bleibt auch erst ab einer gewissen Größenordnung hängen. Wenn man sich da verbeamten lassen könnte, es würden bestimmt etliche \\"Künstler\\" machen. Umgekehrt könnte man dann sein Arbeitslosengeld auch mit Konzertbesuchen verrechnen, die sonst nicht genug Leute ziehen oder von fragwürdiger Qualität sind. Alle würden gewinnen, und unsere Eltern würden uns nicht mehr für ganz so nutzlos halten. Aber all das ist natürlich Unsinn und würde für Scout Niblett z.B. auch nie wirklich zutreffen, die sich ohnehin einer Antikarriere verschrieben hat mit allem, was dazugehört. Konzertankündigungen? Nicht wirklich. Aktuelles Album? Demnächst vielleicht. Die Frau heißt nicht mal wirklich Scout und trägt gerne blonde Perücken, wenn man sie lässt. Mixtape-Empfängerinnen verwechseln sie zu allem Überfluss auch immer wieder mit Cat Power, wenn sie nicht gerade auf ihrem Schlagzeug rumbolzt wie nichts Gutes.
Schlagzeug, Gitarre und Mädchenstimme sind dann auch an diesem Abend im Tacheles die einzigen Instrumente, die es zu bestaunen gibt, und der gemütliche ad hoc-Konzertsaal ist auch gut gefüllt mit zwei- oder dreihundert Leutchen, die wissen, weshalb sie hier sind. Draußen ist eine schöne mittsommerliche Weltuntergangsstimmung mit bleiernem Himmel und der üblichen stinkenden Kanalisation. Man fühlt sich ein wenig wie im Bauch einer Bestie, wozu das innereiige Interieur der Veranstaltungsstätte noch beiträgt. Dazu wiederum passt natürlich auch die Musik von Scout Niblett, die im Großen und Ganzen zwei Darreichungsformen kennt: Aufs Maul und auf den Magen. Allein der Kontrast zwischen den gesäuselten Vocals, die sich an höhlenmalerische Song-Skelette klammern, und dem Vollkontaktschlagzeug, das immer wieder grimmige Überraschungsangriffe fährt, ist genug, um den beiläufigen Hörer darauf hinzuweisen, dass hier Unübliches mitgeteilt wird.
Scout Niblett trägt heute einen schwarzen Poncho mit dazugehörigem Rock und dazu Hexenstiefel, nicht ganz zugeschnürt. Bühnenansprache ist nicht, aber dafür hat sie einen Drummer im Gepäck, der sich als Pflicht ergebene Waffe herausstellen wird. Und sie ist gut bei Stimme. \\"Genau wie auf Platte\\" ist ja ein sehr zweischneidiges Kompliment, aber die Tatsache, dass die Songs tatsächlich alle den rauen Albini-Stil der LPs wiedererstehen lassen bedeutet halt auch, dass hier jemand seinen Ausdruck gefunden hat. Die Instrumentierung passt zu den Songs, und umgekehrt. Nibletts Stil ist eine Gitarrenmusik in Moll, die Texte transportiert, die irgendwo auf der Grenze von Borderline-Romantik und sozialem Realismus liegen und gerne Themen wie Entfremdung, Trotz und Trauer zu beinhalten scheinen, aus einer persönlichen Perspektive geschildert. Dass der dezidierte Inhalt hinter den Pinselstrich artigen Zeilen verschwommen bleibt, trägt genauso zur Spannung bei wie der primitive harte Rocksound, der mit seinen Ausbrüchen immer wieder dafür sorgt, dass das Angebot frisch bleibt.
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