
Joanna Newsom live
Knopfaugen glänzen
18.04.2007, 11:53, Text:
Mick Schulz
[12 Kommentare]
17.04.07, Köln, Gloria.
So, im Vorprogramm also Ned Collette, der eher als Hemmschuh wahrgenommen wird. Erstens kennt ihn niemand, zweitens verlängert seine Show nur die Wartezeit bis der eigentliche Höhepunkt beginnen kann. Und doch setzt sich das Urteil fest: Der Vorhampel kann was. Wenn man sich Syd Barrett mit Loopstation und nüchtern vorstellt, dann könnte man ungefähr Ned Collette bekommen und das hat doch was. Nur seine überlangen Soli, anscheinend inspiriert von den leeren Staubebenen seiner australischen Heimat sind eher fade.
Dann Pause, ein wenig Rembetika, ein wenig afrikanische Musik, der Vorhang geht auf – und die Bühne ist leer. Sie soll es auch für einen guten Augenblick bleiben, während Gitarrenakkorde vom Band kommen. Und, die Magie setzt ein: es funktioniert, denn statt zu nerven steigert die Wartezeit die Spannung unermesslich bis endlich Joanna Newsom And The Ys Street Band auf die Bühne kommen und schon vor dem ersten Ton frenetisch beklatscht werden. Dann erstmal die Opener beider Alben, 'Bridges And Balloons' und 'Emily' direkt hintereinander, zum warm werden. Und so geht es weiter, Schlag auf Schlag, ein Hit jagt den nächsten und erst in dieser Darbietung wird klar, wie viele unglaublich gute Songs die Newsom hat.
Die Arrangements mit der Ys Street Band tun den Songs unterschiedlich gut, zum Teil wirkt es ein wenig plump, wenn bei einem Song wie 'The Book Of Right On' zu sehr der Rhythmus betont wird. Zum Teil wieder begeistern die skelettierten Versionen von Van Dyke Parks' Arrangements zu 'Ys' gerade durch die eingedampfte Darbietung. Und der neue Song von der EP, 'Colleen', lief außer Konkurrenz. Da schimmerte durch, dass sie sich gegenseitig ernst nehmen, die können zusammen Songs schreiben und als Band wirken.
Schade ist nur, dass es in Joanna Newsoms Erscheinungsbild so gar keinen Bruch gibt. Haare wie die Loreley, dazu ein weißes Spitzenkleidchen, eine Püppchenfigur und große Ohren. Kein Wunder, dass im Assoziationsraum Arwen und Galadriel marodieren. Trotz- oder vielmehr gerade deswegen ist es ein Abend voller Magie, der Applaus steigert sich bis zum frenetischen Jubel, ist am Ende mehr als doppelt so laut im Vergleich zur Band. Die gehauchten \\\"Thank Yous\\\" von Joanna hört man sowieso schon lange nicht mehr. Ihre Knopfaugen glänzen, unsere auch. Und am Ende liegen sich die Paare in den Armen, schweigend und glücklich, wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Das nächste Mal sehen wir uns in der Philharmonie.
Christian Steinbrink war auch da: \\\"Schon ein großartiges Konzert. Obwohl der Fokus klar auf Newsom und ihrer Harfe und nicht auf der Band und den Van Dyke Parks-Arrangements lag. Aber die Frau hat ihren unverwechselbaren Stil gefunden, sie ist mit einem riesigen Talent gesegnet, und sie agiert auf der Bühne so souverän und doch freundlich. Ich habe eine Schwäche für sowas. Während des Gigs schossen mir ein paar Mal die Worte \\\"Moderner Klassiker\\\" in den Kopf.\\\"
Forumsuser mistawill hingegen findet: \\\"Total öde. Hab mich sehr gelangweilt. Brav runtergespielt, ohne Ausbrüche, Überraschungen oder sonstwas.\\\"
So auch Matthias Manthe: \\\"Alternatives Gesindel, Irokesiges, Normalos und der erwartbar hohe Altersdurchschnitt in der Schlange vorm Gloria. Die Performanz der Joanna d’New Weird America selbst hab ich dann leider nicht verstanden. 15min-Harfenavantgarde-Epen zu folgen fiel mir allerdings zugegeben schon auf Platte eher schwer. Wird dem ein oder anderen vielleicht ähnlich gegangen sein, aber die- oder eher derjenige hatte dafür möglicherweise einen besseren Blick auf die Saitenelfe. Außergewöhnliches Tonwerkzeug, gehauchte Thank yous und eine zerbrechlich wirkende Künstlerin in kleidsamen Gewand ist eben manchmal schon alles, was Mann jenseits von Mitte dreißig zum Feierabend braucht.\\\"
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Christian Steinbrink 18.04.2007 | 13:24:22
Die guten Militanten
Krass, hier klingt das teilweise so, als wäre Newsom eine ausstaffierte Puppe, ein Pin Up-Girl, das ihre Platten nur aufgrund ihres Aussehens verkauft. Ich glaube, dass in der Rezeption über sie ganz andere Aspekte eine Rolle spielen (sollten). Sie gibt musikalisch auf jeden Fall mehr her, als dass man sie verdächtigen müsste, durch eine vermeintlich einförmige Optik eine leichter wahrnehmbarere Ausstrahlung erreichen zu wollen.
Und Brüche? Der Bruch liegt im Qualitätsunterschied zu dem ganzen anderen Scheiß! Der reicht doch schon, oder?
Heiko Behr 18.04.2007 | 15:15:09
Auch wenn ich das Konzert leider verpasst habe, muss ich Christian recht geben: ausgerechnet joanna newsom aufs äusserliche zu reduzieren tut weh. und dass die ü-30er deswegen da waren, scheint mir auch zweifelhaft. derlei kann man nun wirklich leichter anderswo abgreifen.
mistawill 18.04.2007 | 15:42:48
halb so wild. ich fand ihr auftreten aber insgesamt auch eher peinlich. hat sicherlich dazu beigetragen, dass es mir und meiner begleitung so gar nicht gefallen hat.
ausschlaggebender waren aber die interpretationen der aktuellen songs. ich wollte ständig vorspulen.
und was sollte das denn bitte mit der lautstärke? ob das absicht war? zimmerlautstärke packt mich meistens nicht so.
neutral 18.04.2007 | 15:49:38
Metallmaschinenmusiker
Aber was hast du denn erwartet bei der Besetzung, bei den Arrangements?
Ich fand es wundervoll! Bei Bridges&Balloons, Emily, Cosmia und This side of the blue konnte ich nur euphorisch lächeln, herrlich!
neutral 18.04.2007 | 15:52:22
Metallmaschinenmusiker
@mistawill: Gerade mal nachgeschaut: Dir hat Sufjan Stevens im Gloria nicht gefallen. Da würde es mich schon interessieren, was du von Sufjan oder Joanna live erwartest.
Mick Schulz 18.04.2007 | 15:56:27
Ach Quatsch, Pin-Up.
Matthias Manthe 18.04.2007 | 16:02:47
newsom steuert dem porzellanigen jedenfalls nicht unbedingt gegen. aber pinup ist eher nicht der passende ausdruck. es handelt sich wohl mehr um eine art sophisticated tagtraumschwärmerei, sehr ernsthaft und kunstverständig, bei der dann noch das leisteste flüstern kommentiert wird.
buenaventura 18.04.2007 | 16:05:27
hashomer
kann halt nich jedes konzert ein oasis-konzert sein.
Andrea Anez 18.04.2007 | 16:17:12
Das ist nicht mein Babyhase.
Also, ich fand's herrlich. Joanna Newsom ist nunmal eine Elfe. Was soll sie da schon machen? Gestern ist „Tinkerbell“ mit Harfe auf der Bühne des Gloria-Theaters erschienen und hat eigensinnig-magische Folk-Lieder gewoben. Dass ich bei diesem Schauspiel dabei sein durfte: Herrlich.
Mick Schulz 18.04.2007 | 16:36:13
Bleibt also festzustellen (teils wirken Dialoge ja auch klärend):
Ich ziehe echte Menschen Elfen vor.
Und obwohl das Konzert großartig war, stört mich das elfenhafte Auftreten. Ich gehe ja auf ein Konzert auch um mir ein Bild zu machen, wer der jeweilige Künstler nun ist, bzw. als was er sich darstellt. Das bleibt nunmal ein Wermutstropfen.
Und das Flüsten hätte mich auch gestört, Matthias.
mistawill 18.04.2007 | 21:23:41
@neutral: so klar ausdefinierte erwartungen hatte ich da leider nicht geschmiedet. war halt gespannt, wie sie als band mit den songs umgehen. das resultat fand ich dann ernüchternd. vielleicht zu glatt, vielleicht zu dünn. hat mich jedenfalls nicht berührt.
sufjan stevens war eine andere geschichte. es kann ja auch nicht jedes konzert gefallen, oder?
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