
CocoRosie Live
Im Kinderzimmer der Geschwister
11.04.2007, 11:31, Text:
Christoph Dorner
09.04.07, Berlin, Postbahnhof.
\\\"CocoRosie? Nee, leider schon ausverkauft. Da waren in den letzten Tagen ganz viele Franzosen da und haben die Karten gekauft\\\", berichtet das Mädchen aus der Kartenvorverkaufsstelle am Bahnhof Alexanderplatz und weiß nicht recht warum. Dabei war eigentlich abzusehen, dass das einzige Deutschland-Konzert zum Release des dritten Albums der Casady-Schwestern ein Fall für Bescheidwisser und Erasmusstudenten sein würde - auch wenn es ungefähr 20 Leute am Eingang des Postbahnhofs immer noch nicht wahrhaben wollen. Sold out! Exklusivität plus Extraversion (des musikalischen Acts, aber auch des Publikums) machen in Berlin eben ein volles Haus. Zumal die Postillen, Blogs und nicht zuletzt das Feuilleton in den letzten Wochen rein gar nichts an 'The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn' auszusetzen hatten. Vor CocoRosie durfte allerdings zunächst Support und Labelmate Bunny Rabbit ran, wie passend am Ostermontag.
Die Rapperin aus Brooklyn gibt auf der Bühne das unschuldige, laszive Rotkäppchen, das heftig mit dem bösen Wolf in Form von Black Cracker als zweitem weiblichem MC (und gleichzeitig Lebensgefährtin und Produzentin von CocoRosie) anbandelt, der bedächtig um das Häschen herumschleicht und beizeiten die Zähne fletscht. Pose und die durchsexualisierte Performance werden auch mehr in Erinnerung bleiben als dass man sich ein abschließendes Urteil über die dreckig-juvenilen Raps auf 'Lovers And Crypts' bilden konnte. Dabei muss man zugeben, dass die heftig bouncende Single 'Lucky Bunny Foot' (\\\"You stepped on my foot, my lucky bunny foot\\\") trotz der Dämlichkeit ihres Textes in die Clubs muss. Nur die Avantgarde, die uns Promoter gerne aufschwatzen wollen, haben wir nicht gesehen, als das Role Model Bunny Rabbit von der Bühne gehoppelt ist.
Mehr Begeisterung entfacht im Anschluss ein Franzose, der 20 Minuten lang Beats und Samples ins Mikrophon prustet, röchelt, spuckt - und dazu noch 'Kiss' von Prince anstimmte. Hochachtung dafür. Die Human Boombox positioniert sich auch auf der klassischen Position des Schlagzeuges, als endlich der Vorhang für das Schauspiel von CocoRosie aufgeht. Die beiden Schwestern, deren musikalischer Input beim Kammerfolk der ersten beiden Alben noch nicht eindeutig zu trennen war, haben sich optisch zu Antagonismen entwickelt. Die ältere Schwester Sierra ähnelt mit ihrem langen schwarzen Haar und pittoreskem Aussehen einer Femme Fatale aus einem David Lynch-Film, während Bianca mit aggressivem Kurzhaarschnitt fast schon an Brigitte Nielsen (!) erinnert. Ihr nasaler Singsang markiert dabei den Widerpart zu den eindringlichen Operversätzen Sierras. Am besten sind CocoRosie allerdings live, wenn sie den Pop zulassen, einträchtig ihre windschiefen Melodien trällern und dazu die menschliche Beatbox losrumpelt. So wie in 'Rainbowarriors', wie in 'Japan', wie in 'Werewolf'.
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