
Torpedo vs. Mia.
rockende Street-Credibility
12.02.2007, 14:09, Text:
Julia Gudzent
[2 Kommentare]
09.02.07, Berlin, Magnet.
Man denkt sich nichts Böses, will den Freitagabend bei einem lauschigen Konzert mit einem Feierabendbier besiegeln. Torpedo aus Schweden stehen auf dem Plan, den Support mimen mit The Streetwaves eine eher unbekannte Band. Doch statt der erwarteten Clubstimmung mit schummrigen Licht rennt man geradewegs in eine Fernsehshow. Kaum betritt man den Magnet Club, wird man angestrahlt von taghellen Scheinwerfern. Geblendet vom gleißenden Licht stolpert man gegen die Umrisse jubelnder Menschenmassen. \\\"Wo hast du mich hier bloß hingeschleppt\\\", tönt meine Freundin Ronja rechts hinter mir entnervt. Als sich unsere Augen an die Millionen-Watt-Birnen gewöhnt haben, sehen wir die Leinwand am anderen Ende des Raumes. Erst schemenhaft, dann immer deutlicher erkennen wir, was um uns herum vorgeht. Wir sind doch tatsächlich auf der Mia.-Fan-Party zum Bundesvision-Songcontest gelandet. Bei allen möglichen Ausgeh-Optionen haben wir uns unbewusst für die schlimmste von allen entschieden. Keine Frage – es muss umgehend gehandelt werden. Kaum auszudenken, was los wäre, wenn wir von einer Kamera erfasst werden würden und man unser Konterfei deutschlandweit im Fernsehen auf einer Party zu Ehren des nationalistischen Schlagerverschnitts Mia. sehen könnte! Unser Ruf wäre dahin, Freundschaften wären umgehend beendet, unsere Eltern würden uns mit Sicherheit enterben! Also schnell die Kapuze aufgezogen, Hände vor's Gesicht und ab durch die Mitte. Mit Ellebogen und Schienbeinen kämpfen wir uns zielsicher durch die kreischenden Massen mit den Spruchplakaten.
Sicher landen wir im nächsten – diesmal richtigen – Raum. Der Katastrophe sind wir gerade noch einmal entwischt. Leider ist im Konzertsaal noch nichts los. Also setzen sich Ronja und ich in die nächstbeste Ecke aufs Sofa. Dort widmen wir uns endlich unserem Feierabendbier. Nach einer Weile beginnen The Streetwaves den Schweden-Abend. Doch sind wir noch immer zu abgekämpft und geschockt, um es fertigzubringen, uns die Band im Stehen anzusehen. Also hören wir sitzend zu und nuckeln weiter an unserem Bier. The Streetwaves sind weder gut noch schlecht, vielleicht einfach nur egal. Von den hinteren Plätzen aus gesehen klingt die Band höchst unspektakulär.
Bei Torpedo haben wir uns dann wieder so weit regeneriert, dass wir den Sprung in die schwedengeile, ausflippende Menge wagen. Die Anstrengung lohnt sich: Torpedo sehen nicht nur – wie es sich für Nordlichter gehört – verdammt gut aus, die können auch was. Stylo-Schweine-Pop vom Feinsten wird hier geboten. \\\"Die gehen aber ganz schön ab\\\", schreit mir Ronja zwischen zwei Songs breit grinsend ins Ohr. Und das, obwohl die Band erst seit ein paar Tagen mit neuem Schlagzeuger spielt. Extrem tight rocken die vier ihr Set an fast ausschließlich neuen Songs herunter. Es tut der Stimmung keinen Abbruch, dass das Publikum die Songs nicht kennt. Die Leute springen herum, als wären sie anno 1978 auf einer Sex-Pistols-Show. Es wird gepogt, gehüpft, gerempelt, geschrieen und gespuckt. Nur die Stagediver fehlen. Was dem Mia.-Schickie-Publikum nebenan an Street Credibility fehlt, hat die Torpedo-Zuhörerschaft für sich gepachtet. Die Band freut sich sichtlich und haut noch ein bisschen kräftiger in die Seiten. Und inmitten dieser Szenerie kann man sich auch endlich entspannen, den anfänglichen Schock vergessen und bierseelig in das schummrige Licht der Clubatmosphäre eintauchen.
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