Morrissey live

Who put the M in Düsseldorf?

18.12.2006, 10:02, Text: Felix Scharlau

15.12.06. Düsseldorf, Philipshalle

Zugegeben: Die Düsseldorfer Philipshalle gehört wohl nicht zur allerersten Wahl, wenn es darum ginge, den Morrissey-Traumauftrittsort zu nennen. Der rechteckige Stahlkoloss mit dem eher auf E-Musik-Abonnenten zugeschnittenen Ausschank-Angebot wirkt zu klar, zu wenig mystisch und einfach viel zu anonym für das Große \\\"M“. Aber Morrissey sehen dürfen, heißt auch dieser Tage Kompromisse eingehen müssen – dafür hatte er in den letzten zehn Jahren einfach zu wenig Interesse an seinen deutschen Fans oder zumindest entsprechenden Deutschland-Konzerten gezeigt. Also: Philipshalle. Schön dabei: Man kann Morrisseys missionarisch vorgetragenen Vegetarismus je nach Position toll, egal oder dämlich finden (ich finde ihn toll) – es verdient jenseits der daran unweigerlich klebenden und meist müßigen Diskussionen aber meinen vollsten Respekt, dass ein Künstler, wenn er oder sie denn schon eine Mission hat und sei sie im schlimmsten Fall noch so symbolisch, seinen Einfluss konkret auch in vermeintlichen Details geltend macht und nicht nur vor laufenden Kameras mantraartig wiederholt, was ihn nervt. Daher also wie schon so häufig in der Vergangenheit kein Fleischverkauf in der Halle.


Und die Missionen rissen nicht ab. Nach einem nichts sagenden Auftritt von Kristeen Young gab es ein überraschendes Comeback des Musikfernsehens auf der Bühnenleinwand zu bewundern. Lieblingssongs von Morrissey, darunter Grand-Prix-Chansons der 60er und 70er und als Kernstück ein obskurer deutscher Fernsehauftritt von (natürlich) den New York Dolls, flimmerten wie eine verdrängte Traumlandschaft in der Umbaupause vorbei - mal was anderes. Dann, Punkt 21:00 Uhr: Macht auf der Bühne Licht für Morrissey! Was auch getan wurde. Nach der Einlage \\\"I must warn you. I speak a foreign language\\\" ging es fast schon zu schnell zurück in die Vergangenheit. Mit “Panic” und der seitdem abendlich so oft gedachten, gesagten oder gar gebrüllten Forderung „Hang The DJ“ (Wo wären wir Diskobesucher heute nur ohne dieses von Morrissey gestiftete Selbstbewusstsein?)

Die nächsten 90 Minuten plus zwei Zugaben waren, so dramaturgisch ungeschickt darf das mal zusammengefasst werden, einerseits der erwartete Mix aus sehr vielen aktuellen Songs, älteren Solo-Stücken und Smiths-Songs (Genaueres siehe unser Forum) – interessanter und teilweise fast unwirklich war andererseits die Stimmung in der gut gefüllten, aber wenn mich nicht alles täuscht, nicht ganz ausverkauften Halle. Mal brandete regelrecht Extase auf und sorgte zwischenzeitig auch dafür, dass Morrissey aufgrund der anhaltenden Sprechchöre nicht weiterreden konnte. Oft war es aber (sogar noch gegen Ende der Show) während und nach den Songs fast totenstill. Ob das an der recht unkonventionell gestalteten Tracklist lag - gegen Ende wurde das Set zum Beispiel immer ruhiger –, ob das Publikum nun zu sehr den Hits verfallen war oder aber besagter Hallen-Koloss das Ausrasten der circa 8000 (?) Besucher/Innen verhinderte – ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Richtig ausgerastet bin ich bei einem vermeintlichen Downer des neuen Albums, der aber ganz prominent das reguläre Set beenden durfte: „Life Is A Pigsty“ – oder, wie es die Kollegen von EinsLive eigentlich noch viel schöner nennen: „Life Is A Pig Store“. So einen wunderbar entrückten achtminütigen Moment soll mir eine andere Band erstmal verschaffen. Eine Aufgabe, an der man man nur verzweifeln kann, will ich hinzufügen.

P.S.: Nachgeschoben noch dieser O-Ton-Knaller:
\\\"I walked around in Düsseldorf today and not one person said hello to me. Which means they must all have recognized me...\\\"

P.P.S.: So fandet ihr unter anderem das Konzert. Weitere Meinungen, Tracklisten etc.pp. finden sich wie gesagt hier:

Fincher: Toll war es in Düsseldorf. Das Merchandise war allerdings eine Katastrophe. Was da an T-Shirts zur Auswahl lag, bekommt man auch in jedem Copyshop hin. Und zwar genauso hässlich.

Buenaventura: schoen war's. nicht umwerfend, aber schon schoen.

Elativ: schon sehr schön, aber nicht so umwerfend wie amsterdam, was aber eher an den räumlichen/ akustischen bedingungen, denn am mozzer lag. zwei hemden, die flogen und eine von oben herrlich anzusehene menschenmenge..große momente lagen für mich in \\\"everyday is like sunday\\\" (glasige augen), \\\"life is a pigsty\\\" (atemnot), \\\"how soon is now\\\" (atemstillstand) und so manchem mehr...zwei hemden flogen..oh...ein bissch'n spack isser seit april geworden..;-) kristeen young fand ich allerdings im gegensatz zu boyfriend, die, wenn ich mich recht entsinne, im april die vorband gaben, höchstgradig anstrengend bis nervraubend.

Chronomancer: ja, die gute kristeen war auch leicht angepisst, dass sie so geschätzte 90 % des publikums nicht so gut fanden. wirkt für mich immer wie ne unangenehme kreuzung aus kate bush und den dresden dolls. sobald kisteen btw. von ihrem keyboard weg war und die musik vom band kam, wurd's dann aber auch gleich nen ticken besser...
moz war dagegen top. schöne setlist, mehr als auf den bisher von mir gesehenen shows dieses jahr, \\\"william\\\" war top, ebenso \\\"everyday is like sunday\\\". die \\\"ringleader\\\" songs sind immer noch nicht so meins, wobei \\\"life is a pigsty\\\" schon grandios live rüber kommt. und moz war allem anschein nach gut gelaut, so viel hände schütteln hab's sonst eher nicht...
und wie fincher schon schrieb, das merchandise sah eher unschön aus, auch wieder völlig andere sachen als in amsterdam und manchester...



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