Intro Intim Köln

Spacken und Gallionsfiguren

15.12.2006, 20:00, Text: Oliver Minck

13.12.06, Köln, Gebäude 9. Bildergalerie. Die Indie-Oldies im Publikum beschleicht ein diffuses kollektives Angstgefühl. \\\\"Müssen wir jetzt tatsächlich durchs Grunge-Revival\\\\", raunt eine Stimme neben mir. Natürlich. Ist doch wohl recht und billig, dass die Teens und Twens von heute Nirvana und Soundgarden für sich entdecken. Wir haben zum Entsetzten unserer großen Geschwister ja auch die 80ties aufgekocht. Die beiden Boys und das Girl der Schweizer Formation Navel können zum Todeszeitpunkt Kurt Cobains maximal acht jahre alt gewesen sein.

Da ist wohl auch die Cobain-Gedächnisfrisur des Sängers eher als Popzitat zu verstehen, denn als pure Affirmation. Die Band fährt ein knüppelhartes Brett, das Outfit stimmt, optisch wie musiklisch. Nur eines darf man nicht vergessen. Der Erfolg einer Band wie Nirvana beruhte neben dem Personenkult vor allem auf dreierlei: Hits, Hits, Hits. Hier herscht bei Navel noch ein wenig Nachholbedarf. Dennoch hinterlassen Navel einen massiven Eindruck. Allein schon wegen der brutalen Lautstärke.

Goose aus Belgien waren mir persönlich im Vorfeld ja ein wenig suspekt. Eine Band, die noch nie in Deutschland gespielt hat, und trotzdem von dieser Zeitschrift hier mit einer fetten Hype-Story abgefeiert wird? Das ist doch Bauernfängerei. Und dann das Wunder: Die Band ist großartig! Electro-Rock, der zur Abwechslung auch mal wirklich rockt. Die Bandmitglieder switchen hin und her zwischen Indierock-Instrumentarium und Kraftwerkscher Keyboard-Tastatur und versehen ihre eigentlich sehr schlichten Dancefloorkracher mit einer Dynamik die tatsächlich das Beste aus Rock und Techno zusammenführt. Der große Pluspunkt: Die Band hat einen Drummer, der nicht etwa mit Knopf im Ohr zum Sequencer spielt (Eine der großen Fehllentwicklungen aktueller Spielkultur, denn der Knopf im Ohr entmachtet den Drummer de facto in seiner angestammten Funktion als Puls der Band), sondern die mörderischen Sägezahnbässe in seiner eigenen Taktfrequenz nach vorne treibt. Auch ganz toll: der Sänger. Neben den sympathischen Restspacken in der Band ein regelrechter Beau, verdammt gutaussehend, dabei aber keine Spur eingebildet rüberkommend. Ein Typ, der sowohl den Einheizer wie den Crooner drauf hat und der funktionalen Musik den gewissen personal touch verleiht.


Erschreckend, wie schnell sich nach Goose das Gebäude 9 leert, so dass zum eigentlichen Hauptact Tele nur noch eine sehr überschaubare Fan-Schaar übrigbleibt. Die frühen Nachhausgeher verpassen einen wie immer sehr souveränen und charmanten Auftritt der sechs Wahlberliner, gespickt mit Songs aus dem demnächst erscheinenden dritten Album. Vor allem die Single 'Mario' (gleich als erste Nummer gespielt) verspricht Großes. Schön, dass die Band auch ihre alten Songs immer wieder variert, neue Intros entwickelt und so keine Spur von abgezockter Routine aufkommen lässt. Tele sind ja wahrscheinlich die \\\\"musikalischste\\\\" Band im deutschen Indieland. Toto, Phil Collins, Steve Miller Band – Referenzen die bei weniger freigeistigen Indiefundamentalisten eher mal zum Naserümpfen führen. Aber so locker wie Tele das bringen, kann man doch eigentlich nur \\\\"ja\\\\" sagen zum Mucker-Mainstream. Und mit dem smarten Francesco als inzwischen bärtige und (war da etwa Heilfasten im Spiel?) drahtig-knackige Gallionsfigur kann bei Tele gar nichts schief gehen. Sooo süß, wenn der lächelt.




Wie fand es denn eigentlich Pete Schiffler? \\\\"Goose haben mich überrascht. Abwechselnde Gitarren- und Synthi-Gewitter unter der schützenden Hand der 80ies. Irgendwo zwischen Soulwax und Maximo Park. Die Jungs drücken ordentlich!\\\\"

Und Tobi Naumann? \\\\"Navel - Sie leben definitiv für ihren Sound und es macht Spaß ihnen dabei zuzusehen. Die Nirvana Wurzeln tragen sie mit stolz. Goose - Genialer frischer Sound. Was bin ich ausgetickt. Eine völlig andere Synthese aus Gitarre und Synthie. Ich seh sie bereits auf der Melt-Bühne 2007. Das wird ihr Jahr. Tele - Muss ich passen. War nicht so ganz meins.\\\\"

Unser Berlin-Korrespondent Hendrik Heitbaum meint (über das Berliner Event): \\\\"Bei Navel dachte ich, der leibhaftige Kurt sei aus dem Grab erstanden, der Sound, die Frisur, die Bewegungen, der kolportierte Hass. Unglaublich. Seattle äh Suisse, eight points. Seit dem Intro Intim mit Maximo Park im März 2005 hat mich keine Band, die ich vorher nicht wirklich kannte, so mitgerissen. Total geile Synthie-Bässe, super Show! Und der Drummer ist ein Killer an der Guitar-Hero-Konsole, dafür Belgium, twelve points. Bei Tele gab's tatsächlich sowas wie Jazz-Soli. Wenn die nur ein bisschen mehr Gas geben würden und weniger Gemucke in mehr Energie für die wirklich schönen Songs umwandeln würden, wären sie die deutschen Phoenix. Sänger Franceso war dennoch unglaublich toll. Germany, ten points.\\\\"



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