The Kooks Live

Ein Freudenhaus

04.12.2006, 20:00, Text: Tim Sohr

03.12.06, Köln, E-Werk. Der Barmann, der in der Vorhalle des E-Werks hinter der Theke steht, grinst mich an. \\\"So viele hübsche Mädels waren lange nicht mehr hier\\\", sagt er, \\\"also, bei My Chemical Romance war auch eine Menge weibliches Publikum, aber die waren mir ein bisschen zu dunkel, jetzt von Kleidung und Gesichtsausdruck her, ne?\\\"

Ich glaube zu verstehen, was er meint, und man kann wirklich nicht bestreiten, dass die Halle am heutigen Abend fest in der Hand des schönen Geschlechts liegt. Man sagt, wenn man die Welt erobern will, muss man die Frauen für sich gewinnen – The Kooks haben eine gewaltige Zukunft vor sich! Der männliche Teil des Publikums – unter ihnen auch eine Handvoll Engländer - hat sich indes in beachtlicher Zahl in Röhrenjeans gekleidet, ein Trend, an dem der Act des Abends wahrlich nicht unschuldig ist. Aber welcher Typ würde nicht gerne so steil gehen wie die Band aus Brighton seit dem Release ihres Debüts 'Inside In / Inside Out', das in England zum Megaseller wurde und die vier Jungs zu Superstars machte, deren Rezeption im restlichen europäischen Ausland innerhalb der einschlägigen Indie-Zirkel sehr wohlwollend ausfiel und deren ausdauerndes Tourverhalten ihnen zuletzt gar eine Clubtour durch die USA bescherte.

Nun sind The Kooks also in Deutschland angekommen und holen die ursprünglich für September angedachten Termine nach. Und sie werden mit offenen Armen empfangen. Schon der Opener 'Seaside' wärmt die Herzen, bevor sich Sänger Luke Pritchard und Kollegen mit genauso viel Seele, aber aufgrund des restlichen Songmaterials noch dynamischer durch die restlichen Songs des Albums rocken, das komplett zum Vortrag kommt. Die Spielfreude der Band steckt ein ohnehin grundeuphorisiertes Publikum an, so dass die \\\"Guuude Lauuune\\\" - nicht im Sinne von Sven Väth, sondern im Geiste straighten Indie-Rock’n’Rolls - zu keinem Zeitpunkt des Abends zu kurz kommt. Vor allem aber gehen die Songs der Kooks live weitaus mehr nach vorne als innerhalb der relativ glatten Albumproduktion. 'Eddie’s Gun' lässt den rappelvollen Laden schon früh so richtig durchdrehen, der kleine Hit 'Naive' gerät zu einem gewaltigen Sing-along, und 'Matchbox' wirkt geradezu – man kann es nicht anders sagen – putzig, irgendwie.

Und die Zugabe 'You Don’t Love Me' erscheint gar richtiggehend aggressiv, geradezu wütend, allerdings muss man dafür die Augen schließen, denn der optische Eindruck der vier sympathischen, milchgesichtigen Anfangzwanzigjährigen stützt diesen kurzzeitigen Eindruck ungewohnter Rauheit natürlich nicht im Geringsten. The Kooks decken ein ordentliches Spektrum bester Gitarrenunterhaltung ab und lassen zu keiner Sekunde dieser energiegeladenen 70 Minuten nach. Man fragt sich, wie viel, ja, Freude, im wörtlichsten Sinne, diese Truppe erst spenden wird, wenn sie auf der Bühne aus mehreren Alben Material wählen kann. Aber schon jetzt, nur mit 'Inside In / Inside Out' im Gepäck, wird deutlich, dass hier vor allen Dingen eine absolut intakte Live-Band mit einer Extraportion Potenzial für weitere Aufgaben performt.


Als ich das E-Werk verlasse, stehen etwa zehn Mädchen mit Bierflaschen, im nachlassenden Regen tänzelnd, an der Straße vor der Halle und singen in gewaltiger Lautstärke 'She Moves In Her Own Way'. Währenddessen verursachen die unzähligen Autos der Eltern, die ihre Kinder vom - im gegenüberliegenden Palladium stattfindenden - Silbermond-Konzert abholen, einen Stau. Nach der dritten Wiederholung des Refrains küssen sich zwei der tanzenden Mädchen innig auf den Mund, bevor sie in einen Lachanfall ausbrechen. Sie sehen alle sehr, sehr glücklich aus. Die Silbermond-Eltern betrachten das Spektakel dagegen leicht verwirrt. The Kooks sind die Spaßgesellschaft für die coolen Leute.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.