
CMJ
Indie-Wahnsinn 2006
23.11.2006, 19:00, Text:
Thomas Venker, Foto: Jonathan Forsythe
[7 Kommentare]
31.10.-04.11. – New York, diverse Locations. Erinnert sich noch jemand an die Tage, als die Popkomm dieses umtriebige Event-Monster war, das einen schon Wochen vorher nervös werden ließ angesichts der sich ankündigenden Bands? Lange ist es her. Wer noch immer den Phantomschmerz spürt, und das sollten gefälligst alle, für den bleibt seitdem abseits großer Sommerfestivals und eher enger definierten Nachfolgeevents wie der c/o-Pop nur die Reise nach Amerika. Denn hier finden mit dem CMJ und South by Southwest die Mütter aller Branchentreffen mit angeschlossenem Showcase-Wahnsinn statt.
Das CMI mittlerweile bereits zum 25. Mal, aber mit ungebremstem Schwung. So traten diesmal an fünf Tagen mehr als, ach, wer will da noch den Überblick behalten ..., Bands auf, verteilt auf 60 Clubs in Manhattan und Brooklyn – denn wo das Festival noch vor einigen Jahren auf das Borough Manhattan beschränkt war, wurde es mittlerweile, direkte Folge der Segregations- und Gentrification-Prozesse in der Stadt, auch auf die andere Hudsonseite erweitert – zu verlockend sind die dort noch bezahlbareren (auch wenn die Preisschraube gerade enorm nach oben geht), großzügig geschnittenen Clubs und Off-Locations. Aber auch in Downtown Manhattan wurden heuer Off-Räume integriert, keine dauerhaften Clubs, sondern wirklich nur für die Festivaldauer angemietete, aktuell leer stehende Shops. So hostete beispielsweise das amerikanische Fader Magazine während aller Festivaltage jeweils nachmittags eine Lounge, in der so ziemlich jede upcoming Band durchgeschleift wurde. Der Vorteil: Hier konnte man sie in angenehm überschaubarem Rahmen sehen, entgegen der doch sehr überfüllten (man kam oft trotz offiziellen Badges nicht rein) abendlichen Hauptshows. Und Fader war nur die Spitze dieses Matinee-Trends. Etliche Marken hosteten ähnliche Veranstaltungen – qualitativ kam aber keiner an das hier Aufspielende heran.
Man weiß zwar zumeist nicht warum, aber ohne das gesamte Portfolio aus Messe und Kongress scheint es bei solchen Festivitäten nicht zu gehen. Wobei in diesem Fall die Messe fast schon punkig angegangen wird, noch rudimentärer rüberkommt als beispielsweise die Tisch-und-Poster-dahinter-Einheitsstand-Variante der Pop-Up. Zum Kongress lässt sich das oft Gesagte äußern: die immer gleichen Themen, teilweise spannend besetzt, teilweise mit offensichtlichen Lückenfüllern, die sich aber wohl gerade deswegen selbst so gerne sprechen hören, doch nie mit einem es wirklich wissen wollenden Publikum. Einmal mehr wirkt das alles wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Mit dieser Deutlichkeit gesagt, da es jetzt auf dem Terrain versöhnlich wird, das sowieso das einzig wichtige ist: auf dem der Musik selbst. Es ist ja immer schwer, einem Festival in aller Kürze gerecht zu werden, sowohl im Moment des Erlebens als auch im Rückblick. Von daher hier mal ein sehr, sehr verkürztes Galoppieren über die besten der gesehenen Bands: Albert Hammond Jr. – Schönes Konzert, auch wenn die Band noch ein bisschen an der ausgeglichenen Präsenz werkeln muss. Noch ist es eine One-Man-Glitter-Show. Aber verdammt catchy Songs. / Canada – Gut gelauntes Kollektiv aus sieben Leuten. Nein, nicht aus Kanada, sondern Michigan, aber mit deutlichen Einflüssen von Arcade Fire und Konsorten. / Archie Bronson Outfit – Domino-Band, deren Album letztes Jahr nicht so richtig zwingend daherkam, die aber live mit ihrem zerfransten Kraut-Blues Spaß macht. / Frida Hyvönen – Neue schwedische Künstlerin auf Secretly Canadian. Typ Tori Amos, musikalisch, nur mehr Indie. / Annuals – Werden derzeit heiß gehandelt. Zu Recht. Indierock mit Talent für gute Melodien. / Malajube (Foto) – Jetzt aber doch Kanada. Und zwar aus dem frankophilen Teil des Landes. Hippieesker Fünfer mit schönem Songwriting und der rechten Dringlichkeit, um eben dann doch nicht zu nerven; wurden von den Trendscouts des besten deutschen Indielabels (überhaupt konnte man einige deutsche Labelleute rumpirschen sehen; US-Indie ist, nicht zuletzt wegen des großen Erfolgs der kanadischen Welle, eben noch immer eine Signing-Alternative zum UK-Hype) schon umgarnt. Wir bleiben dran. / Sub Pop-Abend im Bowery Ballroom mit u. a. The Elected (seltsam konservativ sind die geworden; alte Männer machen Musik für alte Männer), CSS (leider nicht so toll wie auf Platte, bis auf die Sängerin einfach zu leblos), The Thermals (wurden im Verlauf des Sets immer besser und zwingender), The Album Leaf (boah, war das schön). / Kill Rock Stars-Nacht im Hiro Ballroom – Ins Maritim-Hotel integrierter, japanisch angelegter Saal. Superschön. Der erste Act des Abends, Excepter, muss sich noch etwas finden, klang doch arg bemüht nach Mischung aus Suicide und Boredoms. Nett, aber leider ohne richtige Songs: Mary Timony, ehemals Frontfrau der tollen Helium. Aber Stimme und Gitarrensound sind noch immer mitreißend. Richtig klasse waren hingegen Erase Errata. So klasse, dass wir sie am nächsten Tag gleich noch mal auf einer Matinee im North Six anschauten. / Oh No! Oh My! – Meine Entdeckung des Festivals. Indierock mit Emo-Überschwang und Druck. / Digitalism – Denkt ja jeder, dass dieses Duo aus Frankreich kommt. Sind aber Hamburger und zu Recht absolute Lieblinge der 2manydj’s. Haben die Hüfte am rechten Fleck. / Justice – Ed Banger rettet gerade Techno, für alle, die das noch nicht mitbekommen haben. Und die beiden – wobei eigentlich nur der eine was macht, zumindest live – sind der Wahnsinn an der Spitze der Labelcrew. Herrlich, dass man so krank abgehen kann und trotzdem alle tanzen, als liefe Chicago-House. / ....
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MrFits 23.11.2006 | 20:11:05
wen interessiert im rest der republik, wie sie der von der popkomm verlassene wahl-kölner so fühlt.
gut, new york ist sicher auch toll, aber hat die popkomm in berlin weniger veranstaltungen, als damals in köln? oder fallen die hier zwischen all dem anderen einfach nicht so auf?
Modest Mouse 23.11.2006 | 21:29:30
Was soll das denn? JUSTICE retten doch nicht den Techno. Die haben in der Vergangenheit sicher was geleistet, muss man die jetzt aber extra nochmal erwähnen!
danielerk 26.11.2006 | 16:51:58
Das Gewässer zwischen Brooklyn und Manhattan ist der East River, hinter dem Hudson River liegt New Jersey, da kriegt man einen New Yorker nicht mit drei Pferden hin. Und was war mit den Shins bei Sub Pop-Abend im Bowery? Will man doch wissen.
MrFits 27.11.2006 | 10:31:27
gibts da jetzt auch einen club, der wie die strasse heisst? das CBGB's war beispielsweise in der bowery . ...
oh, IC
MrFits 27.11.2006 | 10:36:16
gott, wie GEIL! am 13.01.2007 spielen den dB'S im bowery ballroom. wer da wohl mitspielt?
MrFits 27.11.2006 | 10:36:45
die, die, die dB'S . ..
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