
Ulrike Maria Stuart
Zu viele Kurven
30.10.2006, 16:28, Text:
Barbara Schulz
28.10.06, Hamburg, Thalia Theater, Premiere. Ausverkauftes Haus! War ja klar, schließlich sorgte dieses auf einem Text der Nobel-preisträgerin Elfriede Jelinek basierende Stück schon früh für Wirbel. Die Vermengung der Schicksale der verfeindeten RAF Ladies Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin mit denen der Königinnen Maria Stuart und Elisabeth I. wurde von Meinhof-Tochter Bettina Röhl als Schmarrn bezeichnet, sie sah Persönlichkeitsrechte verletzt und erbat Textänderungen. Ob es die gab, weiß man (noch) nicht. Regisseur Nicolaus Stemann jedenalls schuf ein mal fröhliches, mal melancholisches Patchworkstück. Meinhof (Susanne Wolff) ist bei ihm eine tragische Figur, mit der niemand kuscheln will, weil sie zu selbstbezogen sei. Ensslin (Judith Rosmair) ist eine street-schicke Zicke, die sich vor allem fürs Shoppen und Baby (= Andreas Baader) interessiert.
Das kommt eindimensional daher und man merkt: hier geht’s um Leichtigkeit, nicht um heavy Geschichte. Also schmunzelt man, über Männer in Tantchen-Kostümen, die mit verschiedenen Stimmen Prinzessinnen, Meinhof oder Andreas Baader geben („Ich bin Mutter!“ / „Nein, Du bist Stefan Aust!“ / „Haltet die Schnauze, ihr Fotzen, ich bin die Mutter!\\\\\"), über zwei österreichische Damen in putzigen Vagina-Kostümen, die unschwer als Jelinek und Marlene Streeruwitz zu erkennen sind, über Ensslin als Sängerin in Begleitung eines Knarren-Balletts, flöten spielende Königinnen, Streit zwischen Ensslin („Die Gruppe bin ich mit meinem Baby!“) und Meinhof („Ich bin die Vorstandsvorsitzende der Ausgebeuteten!“), schließlich über sich in Farben suhlende nackte Männer mit Schweinsmasken überm Penis, die mit Wasserbomben auf papierene Feinde (u.a. Ackermann, „Bild“-Dieckmann, Kerner) zielen und nicht gehen wollen „bis die Scheiße hier endlich aufhört!!!“.
Prompt setzt das Schluss-Gefühl ein, doch es geht weiter, mit Rockmusik und Stemann mit Jelinek Perücke. Für die allesamt famosen SchauspielerInnen und das tolle Bühnenbild hagelt es zu Recht viel Applaus. Für das Stück auch vereinzelte Buhs: es gab einfach zu viele Kurven!
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