Midlake und Fotos live

Die Band aus den Bergen

25.10.2006, 19:31, Text: Klaas Tigchelaar

19.10.2006, Bonn, Harmonie. Mit Fotogalerie. Einige Nerven muss die Durchführung dieses Konzertabends die Veranstalter der Harmonie im Vorfeld gekostet haben. Nachdem die ursprünglichen Headliner Cracker zum zweiten Mal einen WDR-Rockpalast-Auftritt in der Harmonie abgesagt hatten, las sich der Kommentar dazu auf der Homepage des Venues reichlich säuerlich: \\"Eine 3. Ankündigung wird es von unserer Seite sicherlich nicht mehr geben!\\" Such is Showbiz, aber auch die als Ersatz angekündigten Kante sagten kurzfristig ihr Erscheinen ab, sodass die heiß gehandelten Newcomer Fotos noch am Abend zuvor einen Startplatz zugewiesen bekamen, womit Midlake zum Headliner avancierten.

Ein wenig nervös sind Fotos als wir zum dritten Song eintrudeln, \\"wegen der vielen Kameras\\", gibt Sänger Tom zu, aber wenn sie spielen, ist davon nicht viel zu merken. Energetisch und präzise kommt das rüber, was jedoch schon auf der Platte ein wenig enttäuscht, ist auch live nicht von der Hand zu weisen: Das Quartett aus Köln, Wuppertal und Hamburg hat im letzten Jahr aufmerksam Musik gehört und fügt Einflüsse von Franz Ferdinand, Bloc Party und Maximo Park mit deutschen Vocals, die wiederum an die progressiveren NDW-Acts referieren, zu einem nicht ganz unbekannten Sound zusammen. \\"Aber wir sind nicht die deutsche Ausgabe der Libertines. Nicht Maximo Park, nicht Franz Ferdinand\\", gaben sie noch in Intro 143 zu Protokoll - und vielleicht macht man es sich da manchmal auch zu einfach. Die Show konnte jedenfalls überzeugen und ließ hier und da erahnen, dass Fotos bemüht sind, die Entwicklung zu einem eigenständigeren Sound weiter durch zu ziehen. Seien wir gespannt auf neues Songmaterial.


Midlake brauchen einige Umbauzeit, um ihre vielen Gitarren und Tasteninstrumente so auf der doch relativ kleinen Bühne zu verteilen, dass auch Musiker dort noch Platz haben. Schon bei Fotos wurde klar, dass die fürs Fernsehen aufgefahrene Batterie an Lampen und Scheinwerfern bei passender Musik einiges an Stimmungsverstärkung parat hat, wobei sich Midlake vom ersten Ton an als dankbare Band für diese Effekte erweist. Das Quintett spielt konsequenterweise alle Songs des großartigen zweiten Albums \\"The Trails of Van Occupanther\\" und badet dabei geradezu in Licht. Der Sound kristallklar, die Gesangsharmonien beeindruckend präzise - das ist alles sehr nah an der Platte, aber durch die Livedarbietung einfach noch um vieles intensiver. Die Bandmitglieder sind körperlich zwar kaum präsent bis unscheinbar, Sänger Tim Smith und Eric Pulido wechseln lediglich ein ums andere Mal zwischen Tasten und E- und A-Gitarren und bringen so ein bisschen Bewegung auf die Bühne. Lustigerweise tragen beide rötliche Bärte und sehen sich irgendwie ein wenig ähnlich, was mir wieder ins Gedächtnis ruft, das jemand Midlakes Sound mal mit der Titelmelodie von \\"Der Mann in den Bergen\\" (\\"Wear The Sun In Your Heart/Maybe\\" von Thom Pace) in Verbindung gebracht hat. Passt auch optisch. Weitere Verweise, die während der kurzweiligen Performance geflüstert werden, sind natürlich The Byrds und Crosby, Stills, Nash & Young. Ein folkig-hochfloriger Teppich zum Reinkuscheln, der auch bei den beinahe zum Inventar der Harmonie gehörenden Bluesrockern kurzzeitig das Verlangen nach eruptiven Gitarrensoli versiegen lässt.

Die clevere Instrumentierung verhindert das Abdriften in kitschige Gefilde. Wo bei Coldplay, Keane und Muse das Leiden durch Halleffekte verstärkt wird, wissen Midlake sich in texanischem Sand zu erden, das tut der Performance sehr gut, auch weil die aufwändigen Lichteffekte in Sachen Psychedelik stellenweise Pink Floyd- oder Genesis-Format annehmen.

Eine mit dankbaren Gesten eingeleitete Zugabe gibt es am Ende auch noch, zuletzt sind nur noch Smith und Pulido auf der Bühne und geben einen ganz alten Song, nur mit zwei Gitarren und Gesang. Ein berauschendes, wundervolles Konzert, das Kante-Fans, Bluesrocker und schließlich wohl auch die Veranstalter versöhnlich gestimmt haben dürfte. Der Gig von Kante wird im selben Haus übrigens am 17. Dezember nachgeholt.



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