My Chemical Romance live

Teenie-Auflauf galore

18.10.2006, 19:35, Text: Julia Gudzent

14.10.06, Berlin, E-Werk - Vor dem E-Werk tummeln unzählige 14- bis 18-Jährige, größtenteils weibliche Fans von My Chemical Romance. Man erfährt, dass die ersten Fans schon seit 16.00 Uhr vor dem Venue stehen. Die vorherrschende Farbe ist schwarz, Emily-Strange-Shirts batteln sich mit Green-Day-Aufnähern, schwarz-rot gestreiften Kniestrümpfen und Chucks. Es wird gedrückt, gedrängelt und gestoßen – jeder will hinein in das E-Werk, um die neuen Songs vom anstehenden My-Chemical-Romance-Album „The Black Parade“ erstmals live zu hören.

Im E-Werk wird man sogleich vom Strom der Masse erfasst. Der schwarze Mob drückt nach vorne. Die Teenies wollen ihren Idolen möglichst nah sein. Die meisten von ihnen haben Kameras dabei, um den Auftritt ihrer Helden später in digitalisierter Form noch einmal nacherleben zu können. Eine unterschwellige, pubertäre Hysterie ist zu spüren, im ganzen Raum schwirren die Hormone. Bald ist der Saal voll, gedrängelt wird immer noch, aber niemand kommt mehr nach. Die Türen werden zugemacht.


Ohne Vorband und mit kleiner Verspätung betreten My Chemical Romance die Bühne: Frei nach dem Titel ihres anstehenden Albums „The Black Parade“ sind auch die Musiker ganz in schwarz gekleidet – allein der frisch blondierte Schopf von Sänger Gerard Way sticht aus dem Bild heraus. Mit engen Jeans, schwarz gefärbten Haaren, dicken Boots und geschminkten Augen sieht Bassist Mikey Way tatsächlich Tokio-Hotel Sänger Bill Kaulitz ein klein wenig ähnlich.

Und genau wie bei einem Tokio-Hotel-Konzert flippt die Masse beim ersten Anschlag vom Gitarrenriff zu „Give `em Hell, Kid“ aus. Es wird gesprungen, gesungen, geschrien. Nachdem sich die Masse mit dem einen bekannten Song vorgewärmt hat, gehen My Chemical Romance gleich dazu über, die Tracks ihres neuen Albums vorzustellen. Darauf verfolgt die Band weiter ihre Emo-Schiene. Zu Sing-along-Popsongs mit Metal-Soli flüstert, singt und kreischt Gerard Way abwechselnd. Dazu hauen seine Mannen brutal und destruktiv auf ihre Instrumente ein und posen dabei, als befänden sie sich auf einem Pariser Catwalk. Und obwohl die Platte noch nicht veröffentlicht ist, tun die neuen Songs der Stimmung keinen Abbruch. Viele scheinen sie schon zu kennen, können zumindest die Refrains mitgrölen. Insbesondere die bereits veröffentlichte Single „Welcome to the Black Parade“ stößt auf Anklang - abwechselnd wird auf und ab gehüpft, gemosht oder das Balladen-Feuerzeug gezückt. Gerard Way gefällt es. Mit Stadion-Rock-Sprüchen stachelt er die Menge auf: „Ey, Böööörlin, how are ya?“, ruft er zwischen zwei Songs, woraufhin der ganze Saal erneut in einen Kreischchor ausbricht. Auch nuschelt Way zwischen zwei Songs etwas von den personal Politics der Band, schwadroniert davon, dass My Chemical Romance gegen Krieg sind und wir uns doch alle gut verstehen würden - typisches Ami-Geplänkel, wie man es von Rock-Shows gewohnt ist. Nach einem musikalischen Abriss des neuen Albums geht es mit älteren Hits wie „I’m not okay (I promise)“ weiter. Mit dem Refrain „So long and goodnight“ vom Song „Helena“ leitet Way das Ende der Show ein – man schreckt aus seiner Trance auf und ist etwas enttäuscht, wie kurz das Konzert war. Mit ihrer Mischung aus Teenie-Alarm und laszivem Gepose würden My Chemical Romance eine großartige Stadion-Rock-Band abgeben. Zwar stimmt die Venue-Größe noch nicht, die Ansagen hat Way allerdings schon drauf.



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