Seachange live

Onstage On Fire, With Love

28.09.2006, 15:00, Text: Daniel Koch

19.06.2006, Köln, Gebäude 9.Warum zum Henker wieder nur ein paar hundert Gäste? Warum diese Löcher im Publikum? Warum gefühlte zwölf Quadratmeter Tanzfläche für den besoffenen (aber textsicheren) Seachange-Fan vor mir? Hatten und haben wir hier nicht angeblich einen UK-Hype? Platzten die Konzerte der Arctic Bloc Brut Parkshambles nicht immer aus allen Nähten? Tja, wäre nur schön, wenn daraus mal jemand den Schluss gezogen hätte, dass auf der Insel viel mehr passiert, als das, was mit großen Medien-Tätä herübergeblasen wird. Man könnt ja auch mal abseits der Hypebresche schauen. Dann wäre man schon vor zwei Jahren über Seachange aus Nottingham und ihr passgenaues Debüt 'Lay Of The Land' gestolpert. Gerade Maximo Park Fans hätten sich vorzüglich mit Songs wie 'News From Nowhere' anfreunden können. Der lies die Glieder zucken und erzählte einem auch noch was – ganz so wie man es von den Jungs aus Newcastle Upon Tye so gerne hört.


Dieser Abend stand nun aber ganz im Zeichen Nottinghams, denn auch die Vorband Escapologists ist den dortigen Proberäumen entsprungen. Und zudem Neil Wells Steckenpferd, der auf dem aktuellen Seachange Werk 'On Fire, With Love' an allen Ecken und Enden zu hören ist. \\"We just got our new record. We’re pretty excited\\", gestand dieser gleich nach den ersten Songs. Mit Verlaub, das hat man ihnen noch angesehen. Mit geschlossenen Augen funktionierte ihr düsterer Indie-Wave vorzüglich. Aber wenn man die Augen öffnete und amüsiert beobachtete, wie die Band sich gelegentlich verunsicherte Blicke zuwarf, zwischen den Songs flüsternd Nachbesprechungen hielt, und sich Wells in schüchternen Ansagen versuchte – das wollte noch nicht so recht passen zu dieser selbstbewussten Musik, die sich in großen Songs wie 'Just Scenery' manifestierte (nachzuhören auf der Myspace-Seite). Vielleicht bin ich aber auch nur geschädigt vom arschcoolen bzw. eiskalten Auftreten der soundverwandten Interpol.

Beim anschließenden Seachange-Auftritt gab es ein Wiedersehen mit Wells. Überzeugte er bei den Escapologists noch mit fester Stimme und sicherem Bass-Spiel, nahm er nun so gut wie alle anderen Instrumente in die Hand. Besonders sein Trompeten-Einsatz sorgte dafür, dass der Seachange’sche Sound unterm Strich mehr war als \\"nur\\" guter Indie-Rock. Die Bühne quoll fast über vor Musikern, sieben waren es, die bei minimaler Beinfreiheit maximalem Sound kreierten. Und dabei Sänger Dan Eastop den Platz ließen, den er für seine Performance brauchte. Man haut ja schnell abgeschmackte Adjektive wie \\"leidenschaftlich\\" auf den Tisch, wenn man so etwas sieht: Einen jungen, gestikulierenden Sänger, der mit großen Augen wahre Textfluten von sich gibt – mal fast plappernd, dann wieder atemlos in den Refrain werfend. Aber Seachange selbst haben mir schon die passende Wortwahl für ihre Performance abgenommen, und ihr aktuelles Album danach benannt: On Fire, With Love. Das passt. Das kann man so stehen lassen. Dabei störte es sie auch gar nicht, dass im Gebäude noch Luft und Raum für ein paar hundert Leute mehr war. 'News From Nowhere', 'No Backward Glances' und 'Battleground' – solche Songs nimmt man mit nach Hause. Und versucht es anstelle von Verbitterung mal mit Schadenfreude: Hey, ihr sogenannten Brit-Fans: Hausaufgaben machen und beim nächsten Mal auch Nottingham eine Chance geben!

P.S.: Noch könnt ihr das Nottingham Package auf Tour erwischen. Am 28.09. im Karlstorbahnhof in Heidelberg und am 29.09. im Münchener Orangehouse.



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