
Die Goldenen Zitronen live
Väterchen Frost
12.09.2006, 19:33, Text:
Christian Steinbrink
07.09.06, Hundertmeister, Duisburg. Mit Bildergalerie. Die Bühne des Hundertmeisters ist eigentlich so gelegen wie jede andere in einem Club von 400er Größe: Sehr flach und nah am Publikum. Trotzdem ist sie komplett abgedunkelt, bevor die Zitronen sie an diesem Abend, in ihrem 20+. Jahr betreten. Was man schemenhaft sehen kann, ermöglicht trotzdem einige Eindrücke: Es scheint, als habe Schorsch Kamerun bei seinen Theaterausflügen in den letzten Monaten viel gelernt. Wenigstens aber hat er einiges aus den Requisitenasservaten der Häuser mitgehen lassen. Da steht etwas, das wie ein Besen aussehen soll. Und, alles überragend in der Mitte, ein übergroßer Kleiderständer. Hinten rechts diese halbe Torwand, die man schon vom Cover ihres neuen und wieder großartigen Albums "Lenin" kennt. Aber nicht nur stimmungsvolle Gegenstände gehören zum Theater. Sondern auch Kostüme. Den Schlüssel zu den Kleiderkammern hat Kamerun aber wohl doch nicht bekommen, denn als Banduniform müssen die schwarzen Lederjacken, die ich selbst bei H&M auch anprobiert hatte, reichen.
Natürlich nicht ohne sie vorher mit den griffigsten Punk-Slogans der letzten 29 Jahre verziert zu haben. Die Staffage stimmt also wieder bei den Goldenen Zitronen, die Show kann beginnen.
Während der hinter der Torwand versteckte Kamerun zum Geklöppel seiner Bandkollegen als Intro den Text von "Mila" verliest, orientiert sich das Publikum erstmal, man hat sich ja Jahre nicht gesehen. Viel verändert hat sich nicht. Neu ist Lado-Labelmanager Stephan Rath mit seinem Markenzeichen, der übergroßen Brille, als zusätzliches Percussion-Rumpelstilzchen. Und der Grauschleier an Ted Gaiers längeren, gegelten Haaren. Der Rest sieht so aus wie schon immer. Kamerun scheint ja seit ca. 1985 immer 30 Jahre alt geblieben zu sein, genauso wie Mense Reents seit 1995 immer 25 ist. Sie spielen ein gutes Gemisch aus neuen und alten Songs, viele in anderen Versionen, teilweise den limitierten Möglichkeiten der Livesituation, teilweise der eigenen Langeweile geschuldet. Zwischendurch, die Lederjacken hängen schon längst am Kleiderhaken, erzählt Kamerun Lustiges, oder er puscht, oder er agitiert. Wenn es ernst wird, schnappt sich immer noch Gaier das Mikrofon. Sie erzählen von ihrem Konzert tags zuvor in Bielefeld, davon, dass sich die Regierung in den letzten 12 Jahren ja doch nicht verändert hat, und sie zeigen ihre liebsten Rockposen. Sie fordern ihre Fans auf, sich vorzustellen, dass sie den Saal ausfegen würden, noch so ein Element aus Kameruns Schauspiel-Erfahrung. Und auch, wenn sie in ihrer Musik weiterhin kaum Konventionen berücksichtigen, wirken ihre Songs griffig. Vor allem Dank Kameruns lyrisch und intentional ganz außerordentlichen Texten.
Das Publikum ist, wie immer bei den Zitronen, spannend durchmischt. Da sind Punks, Indies und Politische, Künstler und Assis. Die Stimmung ist für ein Popkonzert wieder sehr mündig und konfrontativ, niemand, der die Zitronen mag, lässt sich abspeisen mit einer routinierten Abfolge von Showelementen, und keiner von den Fans käme auf die Idee, bloß den Jubelperser zu geben. Und auch, wenn die Zitronen anfangs ob der Publikumsreaktionen etwas verunsichert zu sein scheinen, bin ich mir sicher, dass sie sich über ihr Publikum freuen, solange sie nicht mit Bier bespritzt werden.
Mehr als anderthalb Stunden bleiben die Zitronen auf der Bühne, eine Vorband haben sie sich gespart, und am Ende haben sie das Publikum doch ganz für sich gewonnen. Dass ihre fortwährende Existenz ein Wagnis ist, ist den Zitronen mit Sicherheit klar. Aber sie haben es wieder geschafft, sich aktuell und brennend relevant zu präsentieren, so dass klar wird, dass ein Exitus der Band ein nicht zu schließendes Loch in die hiesige Poplandschaft schießen würde. Als die Lichter angehen wissen wieder alle: Die Goldenen Zitronen sind und bleiben die beste und coolste alte Band der Welt.
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